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Mit freundlicher Genehmigung des Verlages (übrigens auch für die Verwendung des Covers) hier eine Leseprobe von „Tony&Susan„. Schaut und lest mal rein!
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von Austin Wright

Luchterhand Literaturvertrag, Mai 2012, 978-3-630-87366-4, 416 Seiten, 19,99 Euro.

tony

Es kann nicht jeder ein Held sein. Das ist eigentlich klar. Allerdings sollte man sich doch wehren, wenn es an Leben und Tod geht. Wenn man auf offener Straße von Fremden angehalten wird und mitansehen muss, wie diese Männer die eigene Frau und Tochter entführen. Da muss man doch einschreiten, zuschlagen, um Hilfe schreien… Oder man ist wie Tony, der Mathematikprofessor, der eben nicht geschrien hat. Dem die Familie abhandenkommt und der nachher nur noch die Leichen seiner Lieben im Wald finden muss.

Tony ist die Hauptfigur in Edwards erstem Roman. Und Edward ist der Ex-Ehemann von Susan, die diesen Roman lesen und kommentieren soll. Sie liest ihn innerhalb von drei Tagen, verschlingt ihn geradezu und kann nicht mehr aufhören. Was wird mit Tony nun geschehen, nachdem er als Mann doch irgendwie versagt hat und ganz alleine zurückbleibt? Susan zittert mit ihm, erst auf der Straße, dann im Wald und später in den folgenden Monaten, wenn er versucht, wieder ins Leben zurück zu finden und die Verbrecher zu fassen. Obwohl sie Edward nicht wirklich gern hatte, gefällt ihr sein Buch übermäßig gut. Auch wenn sie immer mehr zu ahnen beginnt, dass Tony, der-sich-nicht-wehren-konnte-Tony, der Mann, der nicht abdrücken konnte, ein bisschen auch ihre eigene Geschichte zu erzählen scheint.

Mich selbst hat das Buch (weder das „äußere“, noch das „innere“) nicht überzeugt. Auch wenn Susan immer wieder betont, wie gut Edward in ihren Augen schreibt, finde ich Sprache und Stil des Tony-Romans alles andere als gelungen. An einer Stelle sagt sie, Edward habe früher so geschrieben, wie sie es wohl auch hinbekommen würde, wenn sie sich nur einmal hinsetzte. Und meiner Meinung nach hat er sich auch nach den (seit ihrer Scheidung) vergangenen 24 Jahren nicht verbessert. Das kann natürlich Methode sein (vielleicht versteht sie nicht viel vom Schreiben?), aber andererseits ist es anstrengend, wenn ein Autor sich so – wenn auch vielleicht unabsichtlich – unentwegt selbst lobt.
Außerdem fehlt der ganzen Handlung Tiefgang. Susan, die wohl auch nie aufbegehrt, sich auch nie wehrt, scheint gar nicht so sehr unter diesem Leben zu leiden. Ja, ihr Mann betrügt sie. Ja, sie hasst ihn. Aber irgendwie überlebt sie nicht ganz unglücklich, so wirkt es zumindest. Und Tony, der ja in dieser schrecklichen Nacht alles verloren hat, was ihm lieb und teuer war, hat nicht genug Schuld auf sich geladen. Er bleibt immer noch so weit moralisch integer, dass man ihn nicht gänzlich verdammen kann. Und schon gar nicht er sich selbst. Damit bleibt dann auch der (hier in vielen Rezensionen gelobte) Rückschluss von ihm auf Susan platt und wenig spektakulär. Warum sie das Buch gar jemandem „zur Strafe“ vorlegen will, erschließt sich mir am Ende überhaupt nicht mehr.

Fazit: „Tony & Susan“ ist für mich eigentlich kein richtiger Thriller. Dafür fehlt noch einiges an Spannung, Grusel, Druck, Entsetzen und was sich nicht noch alles in diesem Genre finden lassen sollte. Die Dilemma-Situation „Was würdest du tun“, die wahrscheinlich herausgearbeitet werden soll, fällt sehr flach aus und stößt keineswegs genug vor den Kopf, um dieses Buch zu einem empfehlenswerten Buch zu machen.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen will, sollte sich mal an folgendem Buch versuchen: „Raum“ von Emma Donoghue. Zwar als Roman bezeichnet, aber in Wirklichkeit zum totgruseln.