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von Jonas Jonasson

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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand„. So heißt das erste Buch von Jonas Jonasson. Das erste und wahnsinnig erfolgreiche Buch. Der Hundertjährige lief nämlich allen davon. Kaum ein Roman hat sich in den letzten 24 Monaten mehr verkauft, wurde häufiger besprochen, gelobt und verschenkt. Und kaum ein Buch war – trotz seines unbestreitbaren Erfolges – umstrittener. Entweder liebt man den alten Allan, oder man möchte nach 10 Seiten aufhören zu lesen. Denn Jonasson schreibt so unglaublich eigenwillig, dass es manchmal unerträglich scheint. Lakonisch und trocken. Mit wahnwitzigen vermeintlichen Zufällen. Unglaubwürdigen Zufällen. Die Hälfte der Zeit möchte man sagen: „ja, klar, und das soll ich dir glauben?“. Und liest doch weiter.

Und nun erscheint sein zweites Buch.

Die Analphabetin, die rechnen konnte„, trägt eine schwere Bürde auf sich. Denn die Erwartungen sind groß. Was im ersten Buch noch neu und unerwartet erschien, ist jetzt bekannt. Denn Jonasson schreibt im gleichen Stil weiter. Wer also Allan mag, wird Nombeko auch lieben. Wer sich beim Hundertjährigen schon an den Kopf gegriffen hat, braucht das zweite Buch gar nicht aufschlagen. Es ist nämlich wieder alles völlig wahnwitzig: Eine südafrikanische hochbegabte Analphabetin gelangt als Strafe, dass sie sich von einem Weißen überfahren ließ, als Putzfrau zu einem alkoholsüchtigen Ingenieur. Dieser baut im Auftrag der Regierung Atomwaffen, hat aber leider keine Ahnung vom Geschäft. Und trinkt sowieso zu viel. Also muss Nombeko das übernehmen. Ohne, dass sie ihn das zu sehr merken lässt, versteht sich. Dennoch jedoch geschieht das Unvermeidliche: Er lässt aus Versehen sieben, statt der gewünschten sechs Bomben bauen. Wie lässt man aber eine Atombombe verschwinden? Gar nicht! Nombeko hat sie nun an der Backe und wird sie auch durch ihre Flucht nach Schweden nicht mehr los. Genauso wenig wie drei schusseligen chinesischen Mädchen, die leider ein bisschen begriffsstutzig sind…

Eigentlich könnte man nun abschließend sagen: Es ist ein gutes, ein lesenswertes Buch. Aber auf eine gewisse Weise ist es das auch wieder nicht. Denn seine Bürde trägt es nur schwer. Besser als der Hundertjährige ist es leider nicht. Dafür fehlt die Innovation, das absolut und überragend Neue in der Sprache. Außerdem trippelte Allan – trotz seines Alters – leichtfüßig dahin, während die Geschichte von Nombeko eher schwerfüßig herumtrampelt. Die beiden Bücher sind also auch nicht gleich gut.

Aber die Analphabetin ist auch kein schlechtes Buch. Sie teilt nur das Schicksal vieler – sie ist das zweite Kind. Wer das beachtet, den erwartet Lesevergnügen!

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Maarten ´t Hart, Unterm Scheffel, Roman

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens

Deutsche Ausgabe München 2011

Gelesen von Luisa

Wer den Pianisten und Komponisten Alexander Goudveyl besuchen möchte, muss über eine riesige Pappel klettern. Sie ist bei einem Sturm umgekippt und in der Einfahrt des Hauses liegengeblieben. Blockaden sind ohnehin das Thema im Hause Goudveyls: Alexander ist erst Mitte Vierzig, aber fühlt sich alt. Er ist vermögend durch seine Tantiemen, aber hält sich kompositorisch für einen Versager. Seine Frau Hannah, Sängerin mit einer legendären Altstimme, quält sich und ihn mit ihrer Karriere, der sie psychisch nicht gewachsen ist. Alexanders Duopartnerin und oft auch verständnisvolle Zuhörerin Hester kommt finanziell auf keinen grünen Zweig. An künstlerischer Begabung und Fleiß mangelt es bei keinem der dreien. Aber ihnen fehlt die Gabe, an sich selbst und ihr Können zu glauben. Gehemmt, unfroh und gebremst leben sie dahin: ihr Licht unter dem Scheffel.

Doch dann bricht Leben ein: Alexander Goudveyl stürzt sich in eine Affäre mit einer scheinbaren jungen Bewunderin seines Klavierspiels. Für kurze Zeit erscheint eine neue Zukunft mit dieser bildschönen und weltgewandten Sylvia am Horizont. Von dieser Liebe beflügelt fühlt er sich auch als Komponist nahe am Ziel, endlich sein Meisterwerk schreiben zu können, das schon so lange in ihm reift. Die Liebe macht ihn blind vor Sylvias schwierigem Charakter: Als Tierärztin mag sie weder Tiere noch deren Besitzer. Sie ist launisch, nicht besonders feinfühlig, noch nicht mal leidenschaftlich, und sie ist unbeständig: Mal überfällt sie Alexander unangekündigt, mal schickt sie ihn weg trotz Verabredung. Sie hält ihn in einem ewigen Hin und Her gefangen. Kinder, Familienleben, feste Bindung – für sie ein Horror. Und klassische Musik – ein Greuel! Sie lehnt alles ab, was ihm wichtig ist. Kompromisse kommen in ihrem Leben nicht vor. Längst ist Goudveyl völlig abhängig und findet nicht mehr heraus. Sylvia bestimmt sein Leben, sein Denken und Fühlen. Er wartet, leidet, sucht und hofft – und merkt nicht, wie er sich selbst dabei immer mehr verliert. Vergeblich warnen ihn seine Freunde. Vergeblich sucht auch er selbst den Ausstieg aus dieser fatalen Beziehung. Er ist ihr verfallen – bis zum bitteren Ende.

Wer keine klassische Musik mag, sei – wie immer bei Maarten ´t Hart – vor diesem Buch gewarnt. Der ganze Roman ist durchdrungen von musikalischen Anspielungen. Und auch wenn ich nicht alle Stücke kenne, über die Goudveyl nachdenkt: In mir klang und sang es von der ersten bis zur letzten Seite. Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann, Bach, Mozart….immer wieder geht es Alexander um die Frage, wer der Größte ist und warum. Ich fühlte mich zweifach vergnügt, weil meine Lust am Lesen und meine Lust an der Musik beide reichlich zum Klingen kamen. Überhaupt die Klänge: In Alexanders musikalischem Kopf und Herzen wird jeder normale Klang der Welt zu einer musikalischen Phrase, angefangen vom rhythmischen Laufen der Jogger im Park bis zum Regen auf dem Dach. Die Auseinandersetzung mit seiner künstlerischen Begabung, mit dem strengen Kritiker in sich selbst und der verzweifelten Suche nach sich als Mann und Musiker ist mir beim Lesen unter die Haut gegangen. Sylvias narzisstische Abwehrmanöver fand ich bereits als Leserin hoch anstrengend. Ich habe mitgefiebert, ob der Protagonist es schafft, sich von den beiden maßlosen Frauen zu trennen: von seiner ewig kindlich-fordernden Frau Hannah und von der sich ewig verweigernden Sylvia. So sehr wünschte ich ihm, dass er wirklich zu sich findet und damit auch zu der musikalischen Sprache, die in ihm reifte und ans Licht will. Spannend ist auch, wie der (sich selbst als eingefleischten Atheisten bezeichnende) Autor Bibelzitate, religiöse Anspielungen und Hoffnungen einstreut…“Unterm Scheffel“ ist ein aufregendes Buch über die Suche nach einer bereichernden Liebe, dem Umgang mit großen Talenten und der Hoffnung auf gelingendes Leben.

von Michael Frayn

Carl-Hanser Verlag, 288 Seiten, 17,90.

Was mache ich, wenn ich für ein Wochenende mit einer mir fast unbekannten Frau nach Skios reisen wollte und dann im letzten Moment kalte Füße bekomme? Genau! Ich gebe mich als der erstbeste Mann aus, der am Flughafen gesucht wird und steige lieber in ein anderes Auto.

Und so gelangt Oliver in eine Geschichte aus verwirrender Verwechselung, die ihn nicht nur in das falsche Bett, sondern auch zu geistigen Höhenflügen treibt. Schließlich soll derjenige, als der er sich ausgibt, einen wichtigen Vortrag halten. Und alle wollen wissen, worum es geht. Vor allem Oliver, der ja von der Materie keine Ahnung hat. Aber das wäre ja kein Grund, nicht trotzdem zu sprechen!
Seine verschmähte Affäre hingegen lernt den eigentlichen Redner kennen und gelangt mit ihm schließlich zu einer Art Liebe. Auch wenn sie sich vorher einige male verzweifelt im Bad einschließen muss, weil sie sich ständig mit fremden Menschen in ihrem Bett und Koffern überall im Haus konfrontiert sieht.
Diese Koffer der beiden Herren machen derweil eine stetige Reise quer über die Insel, hin und her in den Autos der beiden griechischen Taxifahrer – die Brüder sind und leider kein Englisch können. Sonst hätten sie vielleicht schon früher gemerkt, was hier schief läuft.

Alles in allem eine kluge und lustige Verwechselungskomödie, die vielleicht ein bisschen Licht darauf wirft, warum wir uns heute manchmal selbst viel zu ernst nehmen. Zu empfehlen, wenn man mal wieder laut lachen möchte und das keinesfalls auf albernem Niveau! Allerdings überzeugt das Ende mit seinem komplizierten Durcheinander ganz und gar nicht. Obwohl man sagen könnte: So wie sich die Identitäten der Protagonisten über das Buch hin langsam auflösen, so schmilzt auch die ganze Geschichte bis zu ihrem Ende hin zu einigen wirren letzten Seiten.

„Leben“ von Daniel Wagner

Rowohlt, 2013. 288 S. ISBN 978-3498073718. 19,95 €

Ein Mann liegt im Krankenhaus. Er hat eine neue Leber bekommen. Langsam, ganz langsam, bessert sich sein Gesundheitszustand. Lange hat er auf die Transplantation gewartet, immer am Rande des Todes. Von Kind an hatte er eine Autoimmunhepatitis, sein Immunsystem zersetzte das eigene Organ. Eine neue Leber war die einzige Rettung.
Als nun endlich der Anruf kommt, eine Leber sei gefunden, lehnt er zunächst ab. Er fühlt sich nicht vorbereitet. Wieder dauert es eine lange Zeit, bis er eine neue Chance bekommt. Dieses Mal ist es die letzte, denn eine erneute Ablehnung hätte dazu geführt, dass er von der Warteliste von Eurotransplant gestrichen worden wäre. Er wird in die Klinik gebracht, gibt seinen Körper ab und wie im Film schwenkt die Kamera in eine beobachtende distanzierte Position. Die Operation wird beschrieben, als ob es ein Lehrbuchtext wäre. Er ist nur noch lebloser Körper, von Maschinen am Leben gehalten.

Nun liegt er wieder in der Berliner Klinik, wie so oft. Seine Gedanken wandern. Über das Zimmer hinaus, in die Zukunft, in die Vergangenheit.

Zu dem unbekannten Menschen, dessen Leber er nun in sich trägt und der nun teilweise in ihm weiterlebt. War es ein alter Mann, in der Blüte seines Lebens stehend oder vielleicht eine junge Frau, die ähnlich wie seine frühere Freundin Rebekka einfach totgefahren wurde von einem Lieferwagen, plötzlich – von einer Sekunde auf die andere?

Hat er mit dem Organ auch ein Stück der fremden Persönlichkeit in sich aufgenommen? Er hat den Eindruck, dass er mit dem oder der Unbekannten in Beziehung steht. Wie wäre es, wenn er plötzlich bei den Hinterbliebenen dieses fremden Menschen an der Tür klingelt – oder umgekehrt sie bei ihm?

David Wagner hat ein Buch geschrieben, dessen Szenerie im ersten Augenblick minimalistisch erscheint. Ein Zimmer, ein Bett, Infusionsständer, Nachttisch. Kann daraus Spannung entstehen, die immerhin 288 Seiten Lesezeit rechtfertigt? Doch die Bewegung findet in Gedanken statt, in Erinnerungen, auch in surrealen Träumen. Es ist eine Reise bis an die Grenzen des Lebens und darüber hinaus.

Zwei unbedruckte graue Seiten in der Mitte symbolisieren den zeitweisen Tod. (In einem Interview während der Buchmesse in Leipzig wird der Autor erzählen, dass ihm schwarze Seiten lieber gewesen wären, doch das sei drucktechnisch nicht möglich gewesen.)

Gelesen und besprochen von: Rezensent 2

 

David Wagner, 1971 geboren, veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Debütroman Meine nachtblaue Hose (Alexander Fest Verlag). Sein Roman Vier Äpfel (Rowohlt Verlag) stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Walter-Serner-Preis und dem Georg-K.-Glaser-Preis. David Wagner lebt in Berlin.

von Ljudmila Ulitzkaja

Die drei Jungen, um die es hier geht, haben es echt schwer. Der eine wäre gerne Pianist geworden, hat aber eine verkrüppelte Hand. So wird er nichts halbes und nichts Ganzes und bleibt sowohl in Bildung, als auch in der Liebe auf halber Strecke stehen. Nicht mal zwischen Homo- und Heterosexualität kann er sich entscheiden. Der zweite gerät irgendwie auf schiefe Bahn und wird zum Spion des Sowjet-Regimes, obwohl er eigentlich sein täglich Brot mit der Veröffentlichung illegaler Bücher und Streitschriften verdient. So muss er schließlich die Liebe seines Lebens verlassen und landet in einer ungewollten Ehe in Paris. Und der dritte ist Jude.
Nur gut, dass sie sich gegenseitig haben. Und gut, dass sie den Leser mitnehmen auf ihrem Lebensweg durch das Moskau der Sowjetzeit. Sie lieben sich, die Stadt in der sie leben und vor allem die Bücher und Bilder, die ihre Zeit hervorbringt. Auch und gerade, wenn diese eigentlich verboten sind. So begegnet man der russischen Kultur auf eine Art, die naturgemäß sonst nicht allen möglich ist: Durch russische Augen. Und mit der Zärtlichkeit und Liebe, die man nur seiner Heimat gegenüber empfinden kann.

von Helen Simonson

Der Major ist einsam: Frau tot, Bruder tot, der Sohn ein geistloser Banker. Wie soll da ein Gentleman alter Schule noch das Leben genießen? Wenn da nicht eines Tages Mrs. Ali vor der Tür stände. Sie ist Pakistanin, interessiert sich wie er für Literatur und besitzt den örtlichen Dorfladen. Und genau da liegt das Problem. Wie soll er eine solche Frau in die gehobene Gesellschaft einführen? Nimmt man denn eine Geschäftsfrau mit auf den feinen Ball? Ist sie nicht sowieso ein wenig zu exotisch für das ruhige, britische Leben, das er eigentlich führt?
Es geht nicht so sehr um die Liebe, als um die Frage, nach welchen Regeln wir eigentlich leben wollen. Wer den Nachbarn auf den Schlips tritt, lebt nicht mehr so unbeschwert. Aber vielleicht glücklich. Auch wenn man für dieses Glück auch mal von alten Frauen mit Stricknadeln bedroht wird…

Der Schrecksenmeister. Ein kulinarisches Märchen aus Zamonien erzählt von Gofid Letterkerl. Neu erzählt von Hildegunst von Mythenmetz.

von Walter Moers

Der Schrecksenmeister hat einen Plan: Er will jedes Lebewesen der Welt einkochen und dessen Fett konservieren. Das einzige Tier, das ihm noch fehlt, ist eine Kratze. Echo ist so eine Kratze: klein, katzenähnlich, kann sprechen und ist kurz vor dem Hungertod. Also schließt er mit dem Schrecksenmeister einen Pakt: Der soll ihn durchfüttern und dann irgendwann darf er ihn einkochen. Klingt erstmal fair, läuft auch ganz gut…bis Echo feststellt, dass er doch lieber nicht im Kessel landen will. Also verbündet er sich mit der letzten lebenden Schreckse der Stadt und los geht die wilde Jagd rund um lebende Gespenster, Schuhus und die große Liebe.

Ein wunderbarer Moers-Roman, der sich an fantastischen Ideen kaum überbieten lässt. Schräge und teilweise gruselige Akzente machen eine fast schon unheimliche Atmosphäre aus, die weit über das bisher von ihm bekannte schräge Ambiente hinausgeht. Dieses Buch ist besser als vieles andere, was Zamonien bisher zu bieten hatte!