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Schlagwort-Archive: Rezension; Lesen; Buch; Harold Fry

von Rachel Joyce

Harold Fry bekommt einen Brief. Von einer alten Freundin, nach 20 Jahren ohne Kontakt. Sie sei sehr krank und liege im Hospiz. Und sie wolle sich nur von ihm verabschieden.
Harald schreibt ihr zurück, nur ein paar Zeilen, aber es muss genügen. Und er geht los, den Brief einzuwerfen. Seine Frau Maureen soll nur kurz auf ihn warten.
Und dann passiert das unwahrscheinliche: Harold geht am Briefkasten vorbei, geht aus der Stadt, geht den ganzen Weg von über 800 Kilometern zu Fuß. Um seine Freundin vom Krebs zu retten. Und weil er einiges in sich trägt, dass er Schritt um Schritt durchdenken muss.

Die „unwahrscheinliche Pilgerreise“ ist ein Buch, das den Leser mitnimmt. Nicht nur wörtlich auf Harolds Reise, sondern auch in einem übertragenen Sinn. Nach und nach zeigt sich nämlich, dass im Leben des Pilgers eine ganze Menge im Argen liegt. Die Eheprobleme mit Maureen sind da nur das kleinste Übel. Und je mehr davon aufgedeckt wird, desto weniger gut lässt sich die Geschichte aushalten. Am Schluss wird es beinahe unerträglich, denn das Leben hat es nicht gut mit Harold gemeint. Nur den kleinen Lichtblick scheint es zu geben, dass er am Ende die Freundin retten kann. Oder seine Ehe doch noch nicht zerrüttet ist. Oder er wenigstens seinem Sohn sagen kann, wie sehr er ihn liebt.

Ich lege dieses Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge weg. Es ist gut und flüssig geschrieben, manchmal erscheint die Sprache sogar oberflächlich. Aber unter dieser vermeintlichen Leichtigkeit versteckt sich eine Lebenstragödie, die mich beim Lesen beinahe umgehauen hat. Ich möchte es nie wieder lesen und dennoch war es eines der besten Bücher der letzten Monate! Wer allerdings eine Geschichte ähnlich des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg“ erwartet, sollte gewarnt sein. Die Pilgerreise ist etwas ganz anderes.

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