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Carla Guelfenbein: Der Rest ist Schweigen, aus dem Spanischen von Svenja Becker

S.Fischer-Verlag, 2010

Schweigen – damit kennt Tommy sich aus. Der Zwölfjährige hat vieles, worum andere ihn beneiden würden: Sein Vater ist ein berühmter Herzchirurg mit Pilotenlizenz, es gibt eine liebevolle Stiefmutter, eine Halbschwester und eine besorgte Kinderfrau, ein großes Haus. Aber da ist das Schweigen: In der Familie des Herzspezialisten wird nicht über Herzensdinge gesprochen. Jeder bleibt in die eigene Not eingewickelt, und rätselt, denkt, grübelt, leidet. Gespräche und Kontaktversuche landen fast immer in der Zone des Missverstehens, das keiner aufklärt, und alle immer noch einsamer hinterlässt. Der außerordentlich feinfühlige Tommy hat deshalb eine Marotte entwickelt. Heimlich nimmt er Gespräche anderer Menschen auf und schneidet sie am PC zu Collagen. So versucht er das Leben zu verstehen und zu ertragen. Überraschend erfährt er dabei ein schreckliches Familiengeheimnis: Seine leibliche Mutter ist nicht etwa an einer Krankheit gestorben, wie es immer hieß. Sondern sie hat sich das Leben genommen, als er drei Jahre alt war. Tommy ist fassungslos – diese Wahrheit hat eine Wucht, die ihn völlig verändert. Aber sein Sehnen und Suchen bekommt jetzt einen Namen: Mama! Und er macht sich auf die Suche nach ihren Spuren, die der Vater sorgfältig vor ihm verwischt hatte.

Von Tommy, seiner Stiefmutter Alma und seinem Vater Juan erfahren wir je aus der Innen-Perspektive, was sie umtreibt und antreibt, bewegt und quält und schmerzlich erinnert. Sie umkreisen einander in ihren Wünschen nach Halt und Nähe und können sich doch nicht mitteilen. Aufregend finde ich, wenn Erlebnisse aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Aus den völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen wird deutlich, warum die drei nicht zueinander finden: Die Erwachsenen schweigen da, wo ein Gespräch und die Verständigung über diese verschiedenen Blickwinkel überhaupt erst beginnen müsste. Wenn sie miteinander reden, dann aneinander vorbei. So aber können sie die Kokons der Einsamkeit nicht überwinden. Erst ein weiterer Schicksalsschlag öffnet den Beteiligten die Augen. Jetzt erst beginnen sie zu verstehen, was sie wirklich voneinander getrennt hat. Jetzt erst entwickeln sie die „Augen des Herzens“.

Gelitten habe ich mit allen drei Hauptpersonen. Mit dem einsamen, hochdisziplinierten Vater, dessen Berufsroutine und kühle Sachlichkeit nur mühsam den Lebensschmerz zudeckt, der ihn daran hindert, wirklich zu lieben. Mit der zärtlichen, seelenvollen Alma, die in der Routine ihrer Ehe fast verhungert, aus der sie stabilisierende Lebensstärke erhoffte. Ganz besonders gelitten habe ich mit dem zarten Tommy. Durch eine lebensgefährliche Herzkrankheit schwer behindert hat er eine unglaubliche Kraft und Phantasie entwickelt, sich selbst inneren Halt zu geben. Wie tapfer er sich auf den Weg macht, seine Mutter kennenzulernen! Wie sicher der Zwölfjährige seiner inneren Stimme folgt, die ihm genau das zeigt, was er jetzt braucht! Wie groß dieser körperlich viel zu klein gebliebene Junge in Wirklichkeit ist!  Körperlich der Schwächste von allen – öffnet ausgerechnet er Türen in der Familie, die vielleicht mehr freies Leben ermöglichen.

Die chilenische Autorin Carla Guelfenbein erspart der Leserin zum Glück ein kitschiges Happy End und lässt doch auch Türen offen.  Sie gibt den Figuren Zeit,  ihre Gedanken, Wege und Irrwege und ihre Lösungsversuche zu entwickeln und als Leserin hineinzuwachsen in diese Fragen.

„Der Rest ist Schweigen“ ist kein leichtes Buch. Es geht um alles – um Leben und Tod. Es geht um Lebensmöglichkeiten trotz traumatischer Erlebnisse. Um ein innerlich freieres Leben nicht jenseits von Schmerzen, sondern mit den Schmerzen. Um nährenden und tröstenden Kontakt zwischen Menschen. Das alles ist möglich – jenseits des Schweigens.

Luisa

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von Jaqueline Kelly

Carl-Hanser-Verlag, 336 Seiten, ISBN 9783446241657, veröffentlicht am 25.2.2013.

Es ist nicht gerade einfach, ein Mädchen zu sein und unter sieben Brüdern aufzuwachsen. Noch dazu, wenn man fast 12 Jahre alt ist, den heißen texanischen Sommer auf der Farm der Eltern verbringen muss und immer mehr auf die Mädchenrolle festgelegt werden soll. Die Frauen plagen sich im heißen Sommer 1899 unter der Last der Korsetts, Petticoats und der kunstvoll geflochtenen Frisuren. Calpurnia, gerade noch Kind und doch schon sehr wach, hat von jeher wenig Lust auf mädchentypische Dinge. Statt zu stricken, Klavier zu spielen und ein wenig erfreuliches Leben wie ihre Mutter zu führen möchte sie einmal eine große Naturforscherin werden. Immer wieder findet sie Nischen für wenig mädchenhafte Unternehmungen. Unterstützung bietet überraschend ihr zunächst gefürchteter Großvater, der mit in der Familie lebt. Er widmet sich ausgiebigen Naturbeobachtungen und hütet in seiner Bibliothek kostbare Bücher zum Thema, die Calpurnia ohne Wissen ihrer Eltern ausleihen darf. Zwischen Calpurnia und ihrem Großvater entwickelt sich eine interessante Beziehung – sie reden viel, machen zusammen Wanderungen, um Pflanzen und Tiere zu entdecken und Calpurnia lernt, ihre Beobachtungen der Natur gewissenhaft aufzuzeichnen. Der hütet Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ als seinen größten Schatz. Und mit diesem Buch lernt Calpurnia das Wissen um die Evolution kennen. Immer heftiger wird sie zwischen ihren Herzenswünschen und dem gesellschaftlichen Druck, wie ein Mädchen und eine Frau zu sein hat, hin und hergestoßen. Die Möglichkeiten waren eng für eine Frau zu dieser Zeit. Eingezwängt in gesellschaftliche und familiäre Erwartungen blieb kaum Raum für eigene Träume. Der Großvater schult Calpurnias freien Geist und ihre offensichtliche Begabung für die biologische Wissenschaft. Ob ihr das später helfen wird, oder sie dadurch erst recht unglücklich werden wird?

 

Herzklopfend habe ich „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ gelesen. Immer wieder fragte ich mich angesichts ihres Leidensdrucks: Wie haben Frauen das nur ausgehalten, lebenslänglich in einem Käfig eingesperrt und am geistigen Wachsen gehindert zu werden? Evolutionär betrachtet ist seit 1899 nur wenig Zeit vergangen. Aber zum Glück hat sich das Leben von Frauen und Mädchen in den meisten Ländern der Erde verändert. Und nicht nur von Frauen und Mädchen: denn auch Calpurnias Brüder leiden deutlich unter dem Diktat der gesellschaftlichen Erwartungen und Einengungen.

Ganz ehrlich: ich bin froh, meine Haarlänge selbst bestimmen zu dürfen, weder Korsett noch Petticoat tragen zu müssen. Ich bin froh über meine innere Freiheit, dass ich in Familie und Umgebung offen und ehrlich sprechen und Wünsche benennen kann, und dass ich mich nicht in gesellschaftlichen Konventionen bewegen muss, die mir die Luft nehmen. Aber ganz besonders froh bin ich, dass allen Menschen der Erde die gleiche Würde zugesprochen ist, auch wenn die Verwirklichung und manche anderen humanen Ziele weltweit noch sehr im Argen liegen.

Als angenehm empfinde ich, dass die Autorin Kitsch und Sentimentalität vermeidet. Calpurnias Zukunft bleibt offen. Aber: Programmatisch stellt die Autorin Zitate von Charles Darwin an den Beginn jedes Kapitels. Und zu Darwins bahnbrechenden Erkenntnissen gehörte, dass sich in der Natur die je stärkeren Lebewesen auf Dauer durchsetzen.

 gelesen und besprochen von: MP