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Nachdenkliches

Gestern gehört: Eine Frau schreibt Märchen um, damit Kinder in Zukunft nicht mehr geschockt sein müssen. „Kopf ab“ wird so zu „in den Vulkan gestürzt“. Denn dann „gibt es für die Kinder noch die Chance, dass der arme Mann überlebt“. Weil Tod ja schrecklich ist. Und Kinder Schreckliches nicht mitbekommen dürfen.

Großer Aufruhr um sie herum! Wer Märchen nicht aushalte, solle sie nicht lesen, so die eine Seite. Solche Geschichten hätten deutliche moralische Aussagen, die nicht verwischt werden dürften, so die andere. Außerdem spiegele die Märchensprache die Kultur eines jeden Landes wider, da könne man nicht einfach hineinpfuschen. „Wenn in China Köpfe rollen, dann können Sie daraus keine Vulkane machen!“ Basta!

Aber ich denke mir noch etwas anderes: Kinder sollten nicht mit Schrecklichem in Berührung kommen –  sie müssen es unbedingt. Denn wie sollten sie sich sonst im Umgang mit diesen Themen üben? In ganz kleinen Schritten können sie über die Literatur (und andere Wege) an so etwas wie „Tod“ herangeführt werden. Ich habe hier gerade so ein Buch, es heißt „Wo ist Mami„. Darin sucht das Affenbaby seine Mutter und der Schmetterling führt ihn immer wieder zu Tieren, die nun aber ganz und gar keine Affen sind. Woher soll so ein armer Schmetterling – dessen Kinder/Raupen ihm ja unähnlich sind – wissen, wie die Affenmama aussieht! Für ein Kind ist das doch erstmal schon ein wenig gruselig: Da sitzt man ganz alleine im Wald herum und die Mama ist weg! Aber gottseidank – nach 10 Seiten löst sich die Spannung. Der Schmetterling findet schließlich Affenmama UND -papa. Doppelt hält besser.

In meiner Vorstellung ist es doch genau das, was wir den Kindern auf ihrem Weg mitgeben können: Dass wir Menschen Schmerz/Wut/Trauer oder ähnliches empfinden und dann wieder fröhlich werden. Dass es schlimme Dinge im Leben gibt, aber auch schöne. Dass Menschen sterben müssen und dennoch Tag für Tag glücklich sein dürfen.

Natürlich will ich nicht sagen, dass man jedes Kind zu jeder Zeit an diese Dinge erinnern muss. Aber es gehört zum Erwachsenwerden, auch traurige Gefühle aushalten zu lernen. Und das doch am besten in kleinen Schritten, mit Unterstützung der Eltern. So erscheint es mir besser, als später mit 30 alleine.

Also: Lasst die Hexe im Ofen schmoren, esst Lebkuchen und keine Angst vor rollenden Köpfen!

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Es gibt 2 Kategorien von Büchern:

Die „Erlesenen„, die wirklich gut sind.

Die „Zerlesenen„, die ziemlich schlecht sind.

Wer sich nun fragt, wo sich die mittelmäßigen Bücher, die mit 3 von 5 Punkten – diejenigen, die man mal mit Schnupfen zum Wohlfühlen lesen kann – finden lassen…tja, genau da liegt das Problem! Wie könnte diese Kategorie heißen?

Und welche Kategorien braucht die Buchfühlung noch?

 

Gestern kamen wir auf folgendes: Ich bin ein Pienzchen.

Wer mit mir Filme schaut, muss meistens mit folgendem rechnen: Entweder halte ich mir Augen oder Ohren oder wahlweise beides gleichzeitig zu. Dazu schreie ich bei plötzlichen Geräuschen laut auf (kommt im Kino sehr gut), zucke zusammen und fange meist irgendwann an zu heulen. Zugegebenermaßen, bei Disney Filmen geschieht das eher selten, aber sonst ertrage ich tatsächlich nicht viel. Weder zu viel Liebesschmerz, noch Streit/Gewalt/Trauer oder Horror. Ich hasse spritzendes Blut, plötzliche Bewegungen, langsames Pistole-an-die-Schläfe-Pressen oder wenn einer mal losgeht, um zu sehen, woher die komischen Geräusche kommen.

Ich gehe also selten ins Kino. Und lese vorher immer nach, worum es in einem Film geht. Manchmal sogar den Schluss. Hauptsache ich weiß, was auf mich zu kommt. Sollte ich dazu sagen, dass ich im Freundeskreis nicht die beliebteste Film-Begleitung bin?

Woran liegt das? Wenn ich zurück denke, dann war ich schon immer sehr empfindlich. Als bei „Independence Day“ ein Ufo plötzlich aufging, habe ich eine ganze Packung Salzstangen in die Luft geschmissen, mein Bein so angezogen, dass ich einen Krampf bekam und bin dann auf einem Bein durch die Salzstangen gehüpft. Das hat sich also höchstens noch verschärft. Aber der Grund wird mir erst so langsam klar. Das Lesen ist schuld.

Wer liest, muss sich dem Buch hingeben. Herz und Geist müssen der Geschichte verfallen, sonst bleibt das Buch außerhalb und kann den Leser nicht bewegen. Wir müssen so richtig mit dem kleinen Mädchen mitleiden, das sich im Wald verirrt hat. Sonst bleibt uns die Erzählung so fremd, dass sie langweilig wird. Sonst kann es meinetwegen dort auch verhungern, wir legen das Buch dennoch gelangweilt beiseite. Meiner Erfahrung nach passiert das dann, wenn Geschichten schlecht geschrieben sind. Wenn Wortwahl und Stil abstrakt bleiben oder sogar einfach nur verwirren. Wenn die Sprache es verhindert, tief genug in sie hinein zu tauchen. Schlechte Bücher bereiten schlechte Leseerlebnisse. Ein mieser Trip sozusagen.

Ein gute Geschichte allerdings verlangt geradezu danach, sie in sich hinein zu lassen. Dort, wo ich empfindlich bin, erlebe ich das Buch dann auch mit. Vielleicht fällt es dann deshalb schwer, Filme auf Abstand zu halten?

Mich können Bücher jedenfalls ganz genauso gruseln, wie Filme es tun. Sie zwingen mir nur keine Bilder ins Herz, die ich nicht mehr loswerde,

 

 

Vor einigen Tagen erlebte ich folgende Begegnung: Eine Dame älteren Semesters kaufte für ihre Enkelin ein Buch – Die Tribute von Panem. Nun kann man über den Inhalt, die Sprache, den Sinn und Zweck dieser Geschichte geteilter Meinung sein, das ist mir bewusst. Sie aber äußerte – für mich völlig verblüffend – solch einen „Kitsch“ wolle sie eigentlich gar nicht kaufen. Das dürfe man doch nicht unterstützen. Kinder bräuchten schon eine gewisse Lese-Erziehung.

Meinen Einwand, Kitsch sei dieses Buch nun beim besten Willen nicht zu nennen, wischte sie beiseite.

Daraufhin fragte ich sie, was sie denn selbst als Kind gelesen habe. Und nun kommts: Trotzkopf! Wenn ich etwas als Kitsch bezeichnet hätte, dann das.

Daraus ergeben sich für mich nun zwei Gedanken: Zum einen die Frage, was Kitsch eigentlich ist? Ich verbinde damit Falschgoldengel und im Dunkeln leuchtende Marienfiguren. Oder Porzellanpuppensammlungen auf Spitzendeckchen in der Sofaecke. Alles nicht unbedingt schlimm, nicht unbedingt hässlich, aber irgendwie…kitschig eben.

Duden.de sagt dazu:

Kitsch ist ein aus einem bestimmten Kunstverständnis heraus als geschmacklos empfundenes Produkt der darstellenden Kunst/Literatur/Musik.

Aha! Also ist Kitsch wohl für jede Generation etwas anderes. Was war wohl zur Zeit des Trotzköpfchens kitschig? Interessante Frage.

Zweitens möchte ich doch die Freiheit des Lesegenusses vehement verteidigen! Brauchen Kinder denn wirklich Leseerziehung? Kann man ihnen denn überhaupt beibringen, was gute und was schlechte Literatur ist? Auch wenn sicherlich das ein oder andere Buch nicht für jedes Alter geeignet ist, so kann doch schlussendlich nur der Lesende selbst entscheiden, ob ihm etwas ge- oder missfällt, oder? Ich jedenfalls hätte mir mein „Black Beauty“ Pferdebuch nicht nehmen lassen. Und habe trotzdem auch „Sopies Welt“ gelesen (auch wenn es mir wirklich nicht gefallen hat). Man hat mir Wittgenstein gegeben (mit dem Kommentar, das sei wohl kein Buch für Kinder). Also habe ich ihn aus Trotz gelesen – und natürlich kein Wort verstanden. Ich habe bei Vom Winde verweht jedes mal geweint. Und dennoch wüsste ich heute klar zu benennen, welches Werk das qualitativ hochwertigere ist. (Auch wenn „Vom Winde verweht“ wirklich nicht so schlimm ist wie sein Ruf!)

Was lerne ich nun daraus?

Lest Trotzköpfchen, verliebt euch in Rhett Butler und lasst den Kindern ihre Lesevernunft. Das literarische Herz sucht sich schon seinen Weg.

„Sag mal, darfst du die Buchcover auf deinem Blog eigentlich einfach abbilden?“, fragte mich neulich eine Freundin.

Und ich war bis dahin auch tatsächlich davon überzeugt, legal zu handeln. Denn wie ich so bin, habe ich mich vor dem Start meines Blogs im Internet umgeschaut. Und „die anderen“ machen es doch so: Auf Literaturblogs werden Cover verwendet, Rückseitentexte zitiert, Bilder von Buchstapeln veröffentlicht. Außerdem macht Amazon es ja genauso! Und Verlage könnten ja schließlich auch nur davon profitieren, dass ihre Bücher im Netz besprochen und gezeigt werden. Also kein Problem! Bis auf das kleine, aber nicht zu unterschätzende „aber“: Denn nach diesem Gespräch fing es in mir an zu rumoren. Was wäre, wenn ich nun doch urheberrechtlich geschützte Bilder einfach so und ohne zu fragen veröffentlich hätte? Was, wenn sie dich erwischen?

Und ich begann, noch einmal im Internet zu suchen. Diesmal nach den Stichwörtern, die eigentlich beim ersten Mal schon wichtig gewesen wären. Nämlich nach den rechtlichen Grundlagen. Und es hätte ja auch nicht anders sein können: Buchcover sind selbstverständlich urheberrechtlich geschützt.  Die Rechte liegen beim Verlag oder beim Künstler. Und sicherlich darf ein Blog wie der meine nicht einfach abbilden, was er gerne abbilden möchte.

Gut. Also gestehe ich mir nun meine eigene Naivität ein, entferne die Bilder und vorbei ist es mit bunten, schön illustrierten Artikeln. Oder doch nicht? Denn wie machen es denn all „die anderen“, von denen ich schon sprach? Sind das alles Betrüger, Ideendiebe, Bilderklauer? Manche vielleicht schon. Die anderen machen sich die Mühe, jeden Verlag einzeln um das Recht am Cover seines Buches anzufragen. Wirklich bewundernswert! Nicht jeder ist so fleissig und ehrlich.

Dabei ginge es doch viel leichter. Wenn die Verlage erkennen würden, wie wichtig die Arbeit ist, die einige Buch- und Literaturblogger leisten, hätten sie wahrscheinlich nichts gegen die freie Verwendung ihrer Cover. Und einige Verlage sind inzwischen tatsächlich soweit. Rowohl z.B., die eine entsprechende Erklärung auf ihrer facebook-Seite veröffentlicht haben (man bedenken: auch noch bei facebook. Ich bin beeindruckt, wie nah sie an den jungen Lesern dran sind). Oder die random house Gruppe, die in ihrer faq`s anmerken, dass man mit entsprechender Benachrichtigung ihrer Kontakte die Cover gerne verwenden darf. Beide Verlage merken übrigens an, dass sie sich über eine entsprechende Verlinkung zu ihrer Seite freuen würden.

Nun könnte man sagen, dass ja nicht jedes Buch verkaufsfördernd besprochen wird. Einige sind ja auch einfach schlecht. Wollen also Verlage manchmal nicht, dass ihre Bücher rezensiert werden? Um keine schlechte Bewertung zu erhalten? Damit mehr Leser unwissentlich ihr mieses Buch kaufen? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen! Die meisten Verlage wollen doch ein gutes Sortiment. Und sei „gut“ nur, dass es sich gut verkaufen lässt. Also dürften sie doch auch keine große Angst haben, auch mal schlechte Rückmeldungen zu bekommen. Damit sie weiter arbeiten und weiter an ihrer Autorenauswahl feilen können. Ich jedenfalls wäre an ihrer Stelle nicht undankbar über kritische Rückmeldungen, so sie denn oberhalb der Gürtellinie bleiben.

Meine Vermutung ist vielmehr diese: Verlage haben in Deutschland die Entwicklung auf dem Buch-Markt noch nicht richtig eingeschätzt. Sicherlich ist nicht jeder Buch-Blog ein Stern am Himmel des Internetuniversums. Aber auch nicht jedes sich gut verkaufende Buch steht auf der Liste der künstlerisch wertvollen Literatur ganz oben. Und dennoch lesen es sehr viele Menschen (vielleicht spiele ich da auf „Shade`s of Grey“ an). Das heißt, jeder, der über Literatur postet und sich da wirklich Mühe macht, tut etwas für ihr Weiterbestehen. Und damit für das Weiterbestehen der Verlage. Daher wünsche ich mir mehr Offenheit und Mut, die eigene Arbeit und den eigenen geistigen Besitz (den ich nicht abstreiten möchte!) zur „Weiter-Arbeit“ zur Verfügung zu stellen.

Was sagt ihr dazu?

Geht es mit der deutschen Sprache nur noch bergab? In den Medien wird uns das sehr oft suggeriert. Da ist die Rede von „den Jugendlichen“, die nicht mehr läsen und daher die Vielfalt unserer Sprache auch nicht mehr erfassen könnten. Ganze Wörter gingen verloren! Heute spräche man viel einfacher und weniger schön, als das noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall gewesen sei. Nicht mal Genitiv und Dativ könne man heute noch als bekannt voraussetzen. Und vielleicht sei es sowieso kein Wunder, dass die „Generation SMS“ keinen vollen Satz mehr zustande bringe.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gehen diesen und anderen Fragen jetzt gründlich nach. Im „Bericht zur Lage der deutschen Sprache„, wird dargestellt, was wir bisher nur vermutet haben. Wieviel „Denglish“ wir im Alltag verwenden. Und ob es nun tatsächlich mit unserer Grammatik zuende geht. Ob die Nicht-Leser und iPhone-Benutzer und Fernseh-Zuschauer wirklich unsere Sprache verhunzen. Der Bericht erscheint im Herbst 2013, wurde aber in einer vorläufigen Form bereits vorstellt.

Und die Ergebnisse? Wen wundert`s, so schlimm steht es nicht. Vor hundert Jahren z.B. umfasste das Deutsche noch 1,6 Millionen Wörter, heute sind es schon etwa 5 Millionen. Keine Rede von einer „kleingeschrumpften“ Sprache, die ihre schönsten Wendungen verliert. Und wer jetzt triumphierend behauptet, die zunehmende Zahl sei ganz klar auf den wachsenden Einfluss fremder Sprachen zurückzuführen: „Der Einfluss des Englischen ist den Sprachforschen zufolge weit weniger groß als allgemein vermutet“ (Zitat: Börsenblatt 10, Seite 8).

Ich bin jedenfalls gespannt, mit welchen Ergebnissen der Bericht noch überraschen wird.

(Einen kleinen Einblick kann man übrigens auf der Seite des WDR bekommen. Hier findet sich ein Interview mit dem Publizisten Joachim Güntner über die Voraussetzungen und Ergebnisse der Untersuchung.)

Wer nicht weiß, was er mit seinem Palmsonntag anfangen soll:

Gerade läuft auf Arte eine Reportage über Amos Oz. Er ist meiner Meinung nach der bekannteste israelische Autor, den es in den letzten Jahrzehnten gab. Unter anderem hat er folgendes geschrieben:

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Die Sendung „Square“ stellt immer sonntags Künstler und Intellektuelle vor, die über ihr Leben und ihre Ansichten zu politischen und anderen Themen sprechen. Ich halte es für ein sehr gut gemachtes, knackig kurzes Format.

Die neue Ausgabe von „Square“ wurde in Arad, in der Wüste aufgenommen. Die Umgebung veranschaulicht sehr schön die Philosophie von Amos Oz: „Ich schaue und nehme alles in mir auf. Dann kehre ich nach Hause zurück, und wenn ich das Radio anschalte, höre ich einen Politiker sagen ,Nie!‘ oder ‚von Generation zu Generation…‘, und ich weiß genau, die Steine der Wüste lachen ihn aus. Die Wüste beschert mir diese Stille, und das vermittelt mir auch ein Gefühl für die wahren Verhältnisse.“ 
Amos Oz wurde 1939 geboren, Jahre vor der Gründung des Staates Israel. Er lebte dreißig Jahre in einem Kibbuz, wo er den wesentlichen Teil seiner Ausbildung erhielt. Außerdem ist das Kibbuzleben nach wie vor die Hauptquelle seiner Inspiration für seine 22 bisher erschienenen Werke. 
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„Ich wiederhole“, sagte er zu Vincent Josse, „es hat keinen Sinn, pro-israelisch oder pro-palästinensisch zu sein, denn beide Seiten haben Recht. Für den Frieden muss man sein“.