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Erlesene Bücher

The-Three-Body-Problem-Liu-Cixin
„Gibt es außer uns noch weiteres Leben im Universum?“
Wer kann von sich schon behaupten, er habe sich diese Frage nicht wenigstens einmal im Leben bereits gestellt?
Die Antwort jedenfalls scheint gefunden! Das ist die Grundlage von Cixin Lius „The Three-Body Problem“.
Im Jahr 1968 – mitten in der Kulturrevolution – sendet die chinesische Wissenschaftlerin Ye Wenjie eine Nachricht ins All. „Wer da draußen ist, um zu hören, der höre.“ Und acht Jahre später kommt die Antwort. Allerdings nicht so, wie erwartet. Vielmehr eine Warnung. Eine geplagte, vom Untergang bedrohte Kultur sucht einen neuen Planeten. Einen, auf dem es stabile Umweltbedingungen gibt. Einen zum Überleben.
Ye Wenjie wittert ihre Chance. Von der Revolution enttäuscht und angewidert von all den menschlichen Unzulänglichkeiten, beschließt sie, dass es an der Zeit ist, der Menschheit eine Lektion zu erteilen. Sie sendet eine Einladung zur Invasion: „Kommt nur her, hier könnt ihr euch niederlassen“. Im besten Fall könnte die neue und überlegene Zivilisation die Menschheit kultivieren. Im schlimmsten Fall müssten eben alle Erdbewohner sterben. Das ist Evolution.
Kurze Zeit später beginnt ein reger Austausch mit den Fremden. Schnell finden sich noch andere Wissenschaftler, die die Ankunft der Anderen schon nicht mehr erwarten können. Eine ganze Gemeinschaft entwickelt sich, neue Mitglieder werden durch ein Computerspiel „Three-Body“ in die Welt der Außerirdischen eingeführt und arbeiten so auch an den Invasionsplänen mit. Die Raumschiffe sind bereits gestartet und auf dem Weg zur Erde – alles scheint seinen Gang zu gehen.
Doch noch ist nichts sicher. Ye Wenjies Gemeinschaft spaltet sich in zwei Lager: Die Radikalen, die die Ausrottung der Menschheit befürworten – schließlich habe sich diese als weltbeherrschende Rasse nicht bewährt. Und die Gemäßigten, die auf eine friedliche Koexistenz hoffen. Die Lager stehen vor einem Bürgerkrieg. Und dann gibt es noch die Übrigen, denen langsam aber sicher immer klarer wird, dass die Tage der Erde, so wie sie sie kannten, gezählt sind. Dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es zum Krieg kommt. Und dass ihnen nur noch 450 Jahre (solange wird es bis zur Ankunft noch dauern) zur Vorbereitung auf dieses Zusammentreffen bleiben.

„The Three-Body Problem“ ist ein Meisterwerk und als erster Teil einer Trilogie verspricht es uns für die nächsten Jahre noch großen Genuss. Ich kann als Leserin, die ich weder chinesische noch englische Muttersprachlerin bin, keine fundierte Aussage über die Sprache von Original und Übersetzung geben. Aber mein Eindruck ist, dass sich sowohl Autor als auch Übersetzer mit großer Hingabe an das gemacht haben, was Leser_innen meist die größte Freude bereitet: Ein liebevoll erstelltes Bild einer Geschichte, gut recherchiert und intelligent gemacht, ohne dabei mit zuviel Details überfrachtet zu sein. Denn so viel physische, astrophysische und andere wissenschaftliche Details in einen spannenden Plot einzubauen, kann auch schiefgehen. So viele Personen, historische Gegebenheiten und politische Zusammenhänge in einem Science-Fiction-Roman unterzubringen, birgt oft die Gefahr, langweilig oder überfordernd zu sein. Aber hier ist das außerordentlich gut gelungen. Besonders hervorzuheben erscheint mir dabei das philosophische Problem, dass hier entwickelt wird: Was macht es mit uns, unserer Gesellschaft und unserer Sicht auf den Menschen, wenn wir mit Sicherheit wissen, dass in 450 Jahren Schluss sein wird?

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Maarten ´t Hart, Unterm Scheffel, Roman

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens

Deutsche Ausgabe München 2011

Gelesen von Luisa

Wer den Pianisten und Komponisten Alexander Goudveyl besuchen möchte, muss über eine riesige Pappel klettern. Sie ist bei einem Sturm umgekippt und in der Einfahrt des Hauses liegengeblieben. Blockaden sind ohnehin das Thema im Hause Goudveyls: Alexander ist erst Mitte Vierzig, aber fühlt sich alt. Er ist vermögend durch seine Tantiemen, aber hält sich kompositorisch für einen Versager. Seine Frau Hannah, Sängerin mit einer legendären Altstimme, quält sich und ihn mit ihrer Karriere, der sie psychisch nicht gewachsen ist. Alexanders Duopartnerin und oft auch verständnisvolle Zuhörerin Hester kommt finanziell auf keinen grünen Zweig. An künstlerischer Begabung und Fleiß mangelt es bei keinem der dreien. Aber ihnen fehlt die Gabe, an sich selbst und ihr Können zu glauben. Gehemmt, unfroh und gebremst leben sie dahin: ihr Licht unter dem Scheffel.

Doch dann bricht Leben ein: Alexander Goudveyl stürzt sich in eine Affäre mit einer scheinbaren jungen Bewunderin seines Klavierspiels. Für kurze Zeit erscheint eine neue Zukunft mit dieser bildschönen und weltgewandten Sylvia am Horizont. Von dieser Liebe beflügelt fühlt er sich auch als Komponist nahe am Ziel, endlich sein Meisterwerk schreiben zu können, das schon so lange in ihm reift. Die Liebe macht ihn blind vor Sylvias schwierigem Charakter: Als Tierärztin mag sie weder Tiere noch deren Besitzer. Sie ist launisch, nicht besonders feinfühlig, noch nicht mal leidenschaftlich, und sie ist unbeständig: Mal überfällt sie Alexander unangekündigt, mal schickt sie ihn weg trotz Verabredung. Sie hält ihn in einem ewigen Hin und Her gefangen. Kinder, Familienleben, feste Bindung – für sie ein Horror. Und klassische Musik – ein Greuel! Sie lehnt alles ab, was ihm wichtig ist. Kompromisse kommen in ihrem Leben nicht vor. Längst ist Goudveyl völlig abhängig und findet nicht mehr heraus. Sylvia bestimmt sein Leben, sein Denken und Fühlen. Er wartet, leidet, sucht und hofft – und merkt nicht, wie er sich selbst dabei immer mehr verliert. Vergeblich warnen ihn seine Freunde. Vergeblich sucht auch er selbst den Ausstieg aus dieser fatalen Beziehung. Er ist ihr verfallen – bis zum bitteren Ende.

Wer keine klassische Musik mag, sei – wie immer bei Maarten ´t Hart – vor diesem Buch gewarnt. Der ganze Roman ist durchdrungen von musikalischen Anspielungen. Und auch wenn ich nicht alle Stücke kenne, über die Goudveyl nachdenkt: In mir klang und sang es von der ersten bis zur letzten Seite. Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann, Bach, Mozart….immer wieder geht es Alexander um die Frage, wer der Größte ist und warum. Ich fühlte mich zweifach vergnügt, weil meine Lust am Lesen und meine Lust an der Musik beide reichlich zum Klingen kamen. Überhaupt die Klänge: In Alexanders musikalischem Kopf und Herzen wird jeder normale Klang der Welt zu einer musikalischen Phrase, angefangen vom rhythmischen Laufen der Jogger im Park bis zum Regen auf dem Dach. Die Auseinandersetzung mit seiner künstlerischen Begabung, mit dem strengen Kritiker in sich selbst und der verzweifelten Suche nach sich als Mann und Musiker ist mir beim Lesen unter die Haut gegangen. Sylvias narzisstische Abwehrmanöver fand ich bereits als Leserin hoch anstrengend. Ich habe mitgefiebert, ob der Protagonist es schafft, sich von den beiden maßlosen Frauen zu trennen: von seiner ewig kindlich-fordernden Frau Hannah und von der sich ewig verweigernden Sylvia. So sehr wünschte ich ihm, dass er wirklich zu sich findet und damit auch zu der musikalischen Sprache, die in ihm reifte und ans Licht will. Spannend ist auch, wie der (sich selbst als eingefleischten Atheisten bezeichnende) Autor Bibelzitate, religiöse Anspielungen und Hoffnungen einstreut…“Unterm Scheffel“ ist ein aufregendes Buch über die Suche nach einer bereichernden Liebe, dem Umgang mit großen Talenten und der Hoffnung auf gelingendes Leben.

von Frank Schätzing

Fischer Taschenbuch Verlag, 992 Seiten, 9,95 Euro. 

Dieses Buch ist in vielerlei Hinsicht überraschend: Gleich zu Beginn wird ein kleiner, unbedeutender Fischer von Meerestieren ermordet. Und dieser Vorfall ist nicht der einzige. Es häufen sich grausame Fälle rund um die Welt. Explodierende Hummer und Glibbermasse ziehen sich durch das Werk. Aber es geht hier keinesfalls um spektakuläre Science-Fiction. Schätzing hat den Anspruch, gute und fundierte Literatur zu machen. Daher durchsetzt er seinen spannenden Krimi mit phasenweisen etwas langatmigen Informationsteilen über alles rund um das Meer und die Klimaerwärmung.
Und genau das ist das Überraschende: Einerseits handelt es sich hier um einen wahnsinnig spannenden Krimi, der mitreißender und außergewöhnlicher wird, je länger man ihn liest. Von der uns bekannten Welt geht es in eine unvorstellbar (und bisher noch nie gedachte) neue Interpretation unserer Weltordnung. Ist der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung?
Andererseits neigt Schätzing sehr zu einem belehrenden Schreiben. Man ist also teilweise gezwungen, einen Informations-Fluss mitzunehmen, den man vielleicht garnicht haben wollte. Teilweise lassen sich diese Passagen sogar überspringen, ohne dadurch den Plot zu zerstören. Dies ist natürlich kein gutes Zeichen für ein Buch. Aber der Rest ist so überragend, dass man es unbedingt lesen sollte!

von Michael Frayn

Carl-Hanser Verlag, 288 Seiten, 17,90.

Was mache ich, wenn ich für ein Wochenende mit einer mir fast unbekannten Frau nach Skios reisen wollte und dann im letzten Moment kalte Füße bekomme? Genau! Ich gebe mich als der erstbeste Mann aus, der am Flughafen gesucht wird und steige lieber in ein anderes Auto.

Und so gelangt Oliver in eine Geschichte aus verwirrender Verwechselung, die ihn nicht nur in das falsche Bett, sondern auch zu geistigen Höhenflügen treibt. Schließlich soll derjenige, als der er sich ausgibt, einen wichtigen Vortrag halten. Und alle wollen wissen, worum es geht. Vor allem Oliver, der ja von der Materie keine Ahnung hat. Aber das wäre ja kein Grund, nicht trotzdem zu sprechen!
Seine verschmähte Affäre hingegen lernt den eigentlichen Redner kennen und gelangt mit ihm schließlich zu einer Art Liebe. Auch wenn sie sich vorher einige male verzweifelt im Bad einschließen muss, weil sie sich ständig mit fremden Menschen in ihrem Bett und Koffern überall im Haus konfrontiert sieht.
Diese Koffer der beiden Herren machen derweil eine stetige Reise quer über die Insel, hin und her in den Autos der beiden griechischen Taxifahrer – die Brüder sind und leider kein Englisch können. Sonst hätten sie vielleicht schon früher gemerkt, was hier schief läuft.

Alles in allem eine kluge und lustige Verwechselungskomödie, die vielleicht ein bisschen Licht darauf wirft, warum wir uns heute manchmal selbst viel zu ernst nehmen. Zu empfehlen, wenn man mal wieder laut lachen möchte und das keinesfalls auf albernem Niveau! Allerdings überzeugt das Ende mit seinem komplizierten Durcheinander ganz und gar nicht. Obwohl man sagen könnte: So wie sich die Identitäten der Protagonisten über das Buch hin langsam auflösen, so schmilzt auch die ganze Geschichte bis zu ihrem Ende hin zu einigen wirren letzten Seiten.

von Marie Philips

C. Bertelsmann Verlag (1. September 2008), 320 Seiten.

Was passiert, wenn ein griechischer Gott in London unschuldige Frauen zu Bäumen verwandelt? Wenn sich der Olymp vor lauter Langeweile nur auf die Nerven geht und der alternde Zeus mehr oder weniger aus Versehen eine Putzfrau umbringt?

Dieses Buch beschreibt sehr humoristisch und in einer frischen und leichten Sprache, wie übel es Aphrodite und ihrer Familie ergangen ist. Sie sitzen 2010 zusammen in einem Haus fest und können sich doch gegenseitig nicht ausstehen. Die Idee, das Leben der in die Jahre gekommenen Götterfamilie darzustellen überzeugt vom ersten Moment an. Wer 200 Seiten leichte, aber keineswegs platte Unterhaltung sucht, wird sie hierbei finden. Diese Art von Geschichte macht wirklich Lust auf mehr.

von Jaqueline Kelly

Carl-Hanser-Verlag, 336 Seiten, ISBN 9783446241657, veröffentlicht am 25.2.2013.

Es ist nicht gerade einfach, ein Mädchen zu sein und unter sieben Brüdern aufzuwachsen. Noch dazu, wenn man fast 12 Jahre alt ist, den heißen texanischen Sommer auf der Farm der Eltern verbringen muss und immer mehr auf die Mädchenrolle festgelegt werden soll. Die Frauen plagen sich im heißen Sommer 1899 unter der Last der Korsetts, Petticoats und der kunstvoll geflochtenen Frisuren. Calpurnia, gerade noch Kind und doch schon sehr wach, hat von jeher wenig Lust auf mädchentypische Dinge. Statt zu stricken, Klavier zu spielen und ein wenig erfreuliches Leben wie ihre Mutter zu führen möchte sie einmal eine große Naturforscherin werden. Immer wieder findet sie Nischen für wenig mädchenhafte Unternehmungen. Unterstützung bietet überraschend ihr zunächst gefürchteter Großvater, der mit in der Familie lebt. Er widmet sich ausgiebigen Naturbeobachtungen und hütet in seiner Bibliothek kostbare Bücher zum Thema, die Calpurnia ohne Wissen ihrer Eltern ausleihen darf. Zwischen Calpurnia und ihrem Großvater entwickelt sich eine interessante Beziehung – sie reden viel, machen zusammen Wanderungen, um Pflanzen und Tiere zu entdecken und Calpurnia lernt, ihre Beobachtungen der Natur gewissenhaft aufzuzeichnen. Der hütet Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ als seinen größten Schatz. Und mit diesem Buch lernt Calpurnia das Wissen um die Evolution kennen. Immer heftiger wird sie zwischen ihren Herzenswünschen und dem gesellschaftlichen Druck, wie ein Mädchen und eine Frau zu sein hat, hin und hergestoßen. Die Möglichkeiten waren eng für eine Frau zu dieser Zeit. Eingezwängt in gesellschaftliche und familiäre Erwartungen blieb kaum Raum für eigene Träume. Der Großvater schult Calpurnias freien Geist und ihre offensichtliche Begabung für die biologische Wissenschaft. Ob ihr das später helfen wird, oder sie dadurch erst recht unglücklich werden wird?

 

Herzklopfend habe ich „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ gelesen. Immer wieder fragte ich mich angesichts ihres Leidensdrucks: Wie haben Frauen das nur ausgehalten, lebenslänglich in einem Käfig eingesperrt und am geistigen Wachsen gehindert zu werden? Evolutionär betrachtet ist seit 1899 nur wenig Zeit vergangen. Aber zum Glück hat sich das Leben von Frauen und Mädchen in den meisten Ländern der Erde verändert. Und nicht nur von Frauen und Mädchen: denn auch Calpurnias Brüder leiden deutlich unter dem Diktat der gesellschaftlichen Erwartungen und Einengungen.

Ganz ehrlich: ich bin froh, meine Haarlänge selbst bestimmen zu dürfen, weder Korsett noch Petticoat tragen zu müssen. Ich bin froh über meine innere Freiheit, dass ich in Familie und Umgebung offen und ehrlich sprechen und Wünsche benennen kann, und dass ich mich nicht in gesellschaftlichen Konventionen bewegen muss, die mir die Luft nehmen. Aber ganz besonders froh bin ich, dass allen Menschen der Erde die gleiche Würde zugesprochen ist, auch wenn die Verwirklichung und manche anderen humanen Ziele weltweit noch sehr im Argen liegen.

Als angenehm empfinde ich, dass die Autorin Kitsch und Sentimentalität vermeidet. Calpurnias Zukunft bleibt offen. Aber: Programmatisch stellt die Autorin Zitate von Charles Darwin an den Beginn jedes Kapitels. Und zu Darwins bahnbrechenden Erkenntnissen gehörte, dass sich in der Natur die je stärkeren Lebewesen auf Dauer durchsetzen.

 gelesen und besprochen von: MP