Da wollte der Autor auch mal was sagen…

Hab ich schon erwähnt, dass ich ein totaler Angsthase bin? Ich sehe keine Filme ab 16plus, ich grusel mich bei selbst bei „Independence Day“ und lese nur seltenst Krimis. Was nicht heißt, dass ich Krimis nicht mag! Ich würde sehr gerne den Detektiven folgen, mit ihnen zusammen die Verbrechen lösen und kann es kaum ertragen, dass ich durch das Nicht-Lesen meist die Auflösung der Geschichten nie erfahren werde. Was dazu führt, dass ich dann eben google. Oder – wie jetzt – doch mal die Zähne zusammen beiße und einen Krimi lese.
Und diesmal war die Wahl wirklich gut. Ein spannender Plot, eine hochspannende Rahmengeschichte und der agierende Polizist musste sich mit solch ekelhaften Persönlichkeiten auseinandersetzen, dass ich wirklich froh war, als Leserin außen vor zu bleiben. Ein Klappentext würde es so formulieren: „packende Unterhaltung“. Letztlich kann ich aber heute doch nicht über das Buch berichten, weil mich etwas anderes noch viel mehr „gepackt“ hat. Und das war der dämliche Autor…
Warum liest man Krimis? Wenn ich versuche, mich in den typischen Krimileser hineinzuversetzen – denn meine Angst vor dem Grusel macht es mir unmöglich, wirkliches Lese-Vergnügen zu empfinden – dann liest man Krimis doch des Rätsels wegen. Entweder die Prinzessin stirbt am Anfang und man begleitet den gegen seinen Willen zur Spürnase mutierten Prinzen auf seinem Weg. Oder man kennt die Bedrohung und zittert sich durch 300 Seiten, bis am Ende entweder die Prinzessin stirbt, oder der Bösewicht geschnappt wird. Manchmal auch beides.
Das klingt jetzt erstmal banal. Aber bei anderen Genres ist es ganz anders. 50 Shades of Grey z.B. – das liest man doch sicherlich nicht, weil man NICHT weiß, um was es geht. Eher erwartet den Leser die Bestätigung dessen, was er sich schon beim Kauf erwünscht hat. Er will Sex – er kriegt Sex. Und Faust liest man auch nicht, weil man zu erfahren wünscht, ob am Ende der Teufel überlebt. Das kriminologische Leseerlebnis erscheint mir eine andere, andersartige Kategorie zu sein. Sicher, man erwartet auch hier etwas (Grusel), das man dann auch zu erleben hofft. Aber die Spannung wäre ja gerade nicht gegeben, wenn ich den Plot zuvor schon gekannt hätte. Wer liest schon einen Krimi, dessen Anfang, Entwicklung und Ende ihm bekannt ist. (Selbiges setze ich bei Faust mal voraus). Krimis liest man nicht allein der blumigen Sprache des Autors wegen. Oder weil dieser kurioserweise ohne Punkt und Komma geschrieben hat. Oder weil hier eine ganz neue Übersetzung des ursprünglich russischen Textes die Feinheiten der Ursprache neu zum Ausdruck bringt. Krimis lese ich – wenn – dann um des Endes willens.
Deshalb frage ich mich auch, was den Autor des hier anonym gehaltenen Buches geritten hat. Als Vorwort setzt er eine Einführung in die politischen Umstände, die das Geschehen seiner Geschichte umrahmen. Dabei spricht er von tatsächlich historischen Ereignissen, die so natürlich jeder selbst nachschlagen könnte. Aber er verrät gleich auf der ersten Seite des Vorworts, wie die ganze Sache ausgehen wird. Wieviele Leute bei den Aufständen umkamen, dass es überhaupt Aufstände gab, dass die Stadt verwüstet und das Land in Chaos gestoßen wurde. Dass die Geschichte in Ruhe beginnt und am Schluss im Elend versinkt. Mal ehrlich, hätte ich das tatsächlich vorher wissen wollen? Denn nun verläuft die Lesereise so: Ich bekomme zwar mit, dass jemand gestorben ist und sein Tod aufgeklärt werden soll. Ich erlebe aber gleichzeitig die Spannung um den Mordfall herum viel deutlicher und prägnanter, als die eigentliche Handlung. Ich weiß ja, dass es bald zum Krieg kommen wird. Also spüre ich ihn auf jeder Seite, selbst wenn der Polizist nur Kaffee trinkt. Die Spannung steigt, aber nicht, weil der Mörder bald gefasst ist, sondern weil das Datum im Buch sich der Katastrophe nähert, von der die Protagonisten noch hoffen, sie abwenden zu können. Und von dieser Katastrophe weiß ich, dass sie alle Ereignisse der Kriminalgeschichte nichtig machen wird. Es überlebt ja eh keiner.
Klar, es gibt Bücher, die sind so gedacht. Bücher, in denen Leute sich der Nazis erwehren wollen…und wir Leser wissen, dass sie doch im KZ landen werden. Geschichten, deren historische Einbettung uns so vertraut ist, dass wir schon vor der Lektüre wissen, dass der Turm zu Babel nachher umfallen wird. Aber wenn es gute Bücher sind, dann wollten sie es so. Dann schreiben die Autoren sich die Finger wund, um uns aus neuer Perspektive etwas altbekanntes erleben zu lassen – und oftmals haben sie diese neue Perspektive in jahrelanger Recherche erarbeitet – und bewerben ihre Geschichten auch genau damit. Neue Sicht auf Karl den Großen. Unbekannte Lebenseinsichten von Thomas Mann, oder so.
Dann entwickelt man keinen genialen Krimiplot mit spannendem Psychogramm und „packender Unterhaltung“ und verdirbt alles auf der ersten Seite, in dem man den Fokus selbst auf die Rahmenhandlung legt und diese dann auch noch im Detail verrät. Grmpf!

Advertisements

Was denkst du?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: