Das Unterland. Ein Unter-Irdisches-Buch

 

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Wolfgang Hohlbein: Das Unterland

 

Die letzten drei Tage meines Lebens habe ich verschenkt.

Verschenkt an ein wirklich wirklich schlechtes Buch, dass ich (zu allem Überfluss) schon einmal gelesen hatte. Es ist so schlecht, dass ich meine erste Begegnung mit ihm verdrängt hatte und daher erst auf Seite 50 eine leise Ahnung davon bekam, die Geschichte könnte mir bereits bekannt sein. Obwohl – eigentlich hab ich mich auch da nicht an die Geschichte erinnert, sondern nur an die schrecklichen Fehler, die mir wohl beim ersten mal auch schon hängengeblieben sind. Ein Beispiel: Der große Bösewicht, der den magischen Stein (von dem natürlich niemand weiß, wie er funktioniert oder gar, wie er zu bedienen ist – aber das hatte zuvor keinen gestört, er lag halt so im Regal herum) an sich gerissen und missbraucht hat, wird von so vielen Wesen attackiert, dass er auf dem Boden zusammenbricht. Die um ihn versammelten Guten müssen sich gleichzeitig mit einem bösen Dämon herumschlagen, können diesen aber (weil einer von ihnen plötzlich und ohne zu wissen wie, Macht über den Stein erlangt und nun zu Dämonen-Kommunikation fähig ist) von ihrer Gut-Artigkeit überzeugen und überleben. Daraufhin klopfen sie sich den Staub von den Hosen und verlassen erleichtert den Ort des Geschehens. Kein Wort mehr über den Bösewicht, der vorher 500 Seiten lang die ganze Stadt terrorisierte. Der Leser weiß nicht, ob er tot ist oder lebendig, ob er noch da liegt oder weggelaufen ist, oder ihm vor Schreck graue Haare wuchsen. Nichts. Einzig 20 Seiten später wird in einem Dialog der guten Überlebenden mit denjenigen, die bisher auf der Seite des Bösen gekämpft haben (aber nun durch die wundersame Wiedereroberung des magischen Steins vom Bann desselben enthoben sind), kurz erwähnt, dass der Bösewicht ja „nach dem Kampf einfach verschwunden sei“. Man hat auch nicht nachgesehen oder so. Ahja. Warum die Geschichte auch unnötig durch Details belasten.

Zugegeben, man könnte nun sagen: Selbst schuld, wer liest schon Hohlbein. Aber ich erinnere mich tatsächlich an ein Hohlbein Buch, dass ich während eines Urlaubs las und ganz gut fand. (Weil mir keiner gesagt hat, dass man die Bücher aus den Hotel-Sammel-Regalen mitnehmen kann, hab ich es dortgelassen – etwa 3 Kapitel vor Schluss. Der Verlust der alles erklärenden Auflösung wurmt mich immer noch. Den Titel hab ich aber leider vergessen.) Also Hohlbein kann man mal. So dachte ich – sowohl beim ersten Versuch mit „Das Unterland“, als jetzt auch beim zweiten. Man sieht, ich bleibe meinen eigenen Argumentationsstrukturen treu. Und meinen Fehlern.

Nun ergibt sich aus diesem Wiedererlebnis die Frage, wie um alles in der Welt es passieren konnte, dass solch massive Fehler einem Lektoren durch die Finger gingen? Manchmal wiederholen sich z.B. zwei Sätze direkt hintereinander: Er sah mich fragend an und sagte: „Was wirst du tun“, direkt gefolgt vom nächsten Satz: „Was wirst du tun“, sagte er und sah mich fragend an.

Da hat also einer bei der Korrektur gepennt. Diese Fehler sind aber auch gar nicht der Grund für meine Missstimmung. Ich fühle mich einfach betrogen. Betrogen um eine neue Welt, die ich gemeinsam mit den Protagonisten dieses Buches hätte entdecken können. Die Idee ist nämlich nicht übel: Ein Jugendlicher entdeckt per Zufall den Zugang zu einer unterirdischen Welt, in der Menschen des Mittelalters unentdeckt die letzten Jahrhunderte überlebt haben. Daraus hätte man eine Menge machen können. Gesellschafts- und Gegenwartsstudien, Liebes- und Kriminalromane, die Geschichte einer großen Verschwörung, aufgedeckt gegen den Willen der Obrigkeiten (oder des Vatikans). Für leichte Unterhaltungslektüre wäre eine Menge dabei gewesen. Unglaublich deshalb, dass Hohlbein es geschafft hat, aus seiner Grundidee überhaupt gar nichts zu machen. Ein großes unterirdisches Nichts.

Michael und der zukünftige Bösewicht (im Folgenden: B) entdecken anscheinend zufällig das Unterland. Während B den magischen Stein stielt, freundet Michael sich dort mit einem Mädchen an. Man hält ihn jedoch für einen Komplizen von B, deshalb muss auch er fliehen. Zuhause angekommen, verpasst ihm der Wächter des magischen Steins einen Fern-Vergessens-Zauber und er lebt unbehelligt weiter. Bis B seine mithilfe des Steins seine wahren Machenschaften offenbart und Michael auf seine böse Seite ziehen will. Da erinnert er sich gottseidank wieder an alles und rettet die ober- und unterirdische Welt (auf oben beschriebene Weise). Auf dem Rückweg, mit dem Stein im Gepäck, wird Michael klar, dass er der Bruder des Unterland-Mädchens ist und als Kleinkind von Ghoulen in die Oberwelt entführt wurde. Zum Glück ist nachher aber alles nicht so schlimm, weil sich Michaeles vermeindlicher Oberwelt-Adoptivvater als ehemaliger Begründer des Unterlandes herausstellt, der aus unerfindlichen Gründen 500 Jahre gelebt hat und einer Unterwelt-Frau im Schlaf erschien, so dass sie mit Michael schwanger wurde. Den Stein hat Michaels Vater den bösen Dämonen geklaut, und ohne dass ihn jemand kontrollieren kann hat dieser dann ein halbes Jahrtausend die Menschen des Unterlandes zufälligerweise am Leben erhalten. Aber nun will der Stein zurückkehren und wer immer ihn berührt, wird auf die Seite der dunklen Mächte gerissen. Alles geht gut aus, Verbrüderung mit den Dämonen nicht ausgeschlossen und Michael ist der erste Brückenschlag zwischen oben und unten – als erstes Kind eines Mannes von oben und einer Frau von unten. Klingt logisch.

Meine Frage ist nun, wie bekomme ich diese Geschichte wieder aus meinem Kopf? Dann könnte ich ja vielleicht selbst ein Buch schreiben, dass die – eigentlich nette – Ursprungsidee auf wirklich gute Art verarbeitet? Das Zugang zu der spannenden und faszinierenden Unterland-Welt bietet, die ich mir erhofft hatte. In die ich eigentlich eintreten wollte.

Ich befürchte nur, dafür ist es zu spät. Denn das Buch ist geschrieben und gelesen und nun lässt sich das nicht einfach rückgängig machen. Diese eine Idee ist kaputtgeschrieben. Ich kann es nur verdrängen. Und so wie ich mich kenne, wird mir das so gut gelingen, dass ich in zwei Jahren alles zum dritten Mal lese. „Weil ja der Klappentext so vielversprechend klingt“.

 

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