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Archiv für den Monat Mai 2013

Maarten ´t Hart, Unterm Scheffel, Roman

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens

Deutsche Ausgabe München 2011

Gelesen von Luisa

Wer den Pianisten und Komponisten Alexander Goudveyl besuchen möchte, muss über eine riesige Pappel klettern. Sie ist bei einem Sturm umgekippt und in der Einfahrt des Hauses liegengeblieben. Blockaden sind ohnehin das Thema im Hause Goudveyls: Alexander ist erst Mitte Vierzig, aber fühlt sich alt. Er ist vermögend durch seine Tantiemen, aber hält sich kompositorisch für einen Versager. Seine Frau Hannah, Sängerin mit einer legendären Altstimme, quält sich und ihn mit ihrer Karriere, der sie psychisch nicht gewachsen ist. Alexanders Duopartnerin und oft auch verständnisvolle Zuhörerin Hester kommt finanziell auf keinen grünen Zweig. An künstlerischer Begabung und Fleiß mangelt es bei keinem der dreien. Aber ihnen fehlt die Gabe, an sich selbst und ihr Können zu glauben. Gehemmt, unfroh und gebremst leben sie dahin: ihr Licht unter dem Scheffel.

Doch dann bricht Leben ein: Alexander Goudveyl stürzt sich in eine Affäre mit einer scheinbaren jungen Bewunderin seines Klavierspiels. Für kurze Zeit erscheint eine neue Zukunft mit dieser bildschönen und weltgewandten Sylvia am Horizont. Von dieser Liebe beflügelt fühlt er sich auch als Komponist nahe am Ziel, endlich sein Meisterwerk schreiben zu können, das schon so lange in ihm reift. Die Liebe macht ihn blind vor Sylvias schwierigem Charakter: Als Tierärztin mag sie weder Tiere noch deren Besitzer. Sie ist launisch, nicht besonders feinfühlig, noch nicht mal leidenschaftlich, und sie ist unbeständig: Mal überfällt sie Alexander unangekündigt, mal schickt sie ihn weg trotz Verabredung. Sie hält ihn in einem ewigen Hin und Her gefangen. Kinder, Familienleben, feste Bindung – für sie ein Horror. Und klassische Musik – ein Greuel! Sie lehnt alles ab, was ihm wichtig ist. Kompromisse kommen in ihrem Leben nicht vor. Längst ist Goudveyl völlig abhängig und findet nicht mehr heraus. Sylvia bestimmt sein Leben, sein Denken und Fühlen. Er wartet, leidet, sucht und hofft – und merkt nicht, wie er sich selbst dabei immer mehr verliert. Vergeblich warnen ihn seine Freunde. Vergeblich sucht auch er selbst den Ausstieg aus dieser fatalen Beziehung. Er ist ihr verfallen – bis zum bitteren Ende.

Wer keine klassische Musik mag, sei – wie immer bei Maarten ´t Hart – vor diesem Buch gewarnt. Der ganze Roman ist durchdrungen von musikalischen Anspielungen. Und auch wenn ich nicht alle Stücke kenne, über die Goudveyl nachdenkt: In mir klang und sang es von der ersten bis zur letzten Seite. Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann, Bach, Mozart….immer wieder geht es Alexander um die Frage, wer der Größte ist und warum. Ich fühlte mich zweifach vergnügt, weil meine Lust am Lesen und meine Lust an der Musik beide reichlich zum Klingen kamen. Überhaupt die Klänge: In Alexanders musikalischem Kopf und Herzen wird jeder normale Klang der Welt zu einer musikalischen Phrase, angefangen vom rhythmischen Laufen der Jogger im Park bis zum Regen auf dem Dach. Die Auseinandersetzung mit seiner künstlerischen Begabung, mit dem strengen Kritiker in sich selbst und der verzweifelten Suche nach sich als Mann und Musiker ist mir beim Lesen unter die Haut gegangen. Sylvias narzisstische Abwehrmanöver fand ich bereits als Leserin hoch anstrengend. Ich habe mitgefiebert, ob der Protagonist es schafft, sich von den beiden maßlosen Frauen zu trennen: von seiner ewig kindlich-fordernden Frau Hannah und von der sich ewig verweigernden Sylvia. So sehr wünschte ich ihm, dass er wirklich zu sich findet und damit auch zu der musikalischen Sprache, die in ihm reifte und ans Licht will. Spannend ist auch, wie der (sich selbst als eingefleischten Atheisten bezeichnende) Autor Bibelzitate, religiöse Anspielungen und Hoffnungen einstreut…“Unterm Scheffel“ ist ein aufregendes Buch über die Suche nach einer bereichernden Liebe, dem Umgang mit großen Talenten und der Hoffnung auf gelingendes Leben.

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Carla Guelfenbein: Der Rest ist Schweigen, aus dem Spanischen von Svenja Becker

S.Fischer-Verlag, 2010

Schweigen – damit kennt Tommy sich aus. Der Zwölfjährige hat vieles, worum andere ihn beneiden würden: Sein Vater ist ein berühmter Herzchirurg mit Pilotenlizenz, es gibt eine liebevolle Stiefmutter, eine Halbschwester und eine besorgte Kinderfrau, ein großes Haus. Aber da ist das Schweigen: In der Familie des Herzspezialisten wird nicht über Herzensdinge gesprochen. Jeder bleibt in die eigene Not eingewickelt, und rätselt, denkt, grübelt, leidet. Gespräche und Kontaktversuche landen fast immer in der Zone des Missverstehens, das keiner aufklärt, und alle immer noch einsamer hinterlässt. Der außerordentlich feinfühlige Tommy hat deshalb eine Marotte entwickelt. Heimlich nimmt er Gespräche anderer Menschen auf und schneidet sie am PC zu Collagen. So versucht er das Leben zu verstehen und zu ertragen. Überraschend erfährt er dabei ein schreckliches Familiengeheimnis: Seine leibliche Mutter ist nicht etwa an einer Krankheit gestorben, wie es immer hieß. Sondern sie hat sich das Leben genommen, als er drei Jahre alt war. Tommy ist fassungslos – diese Wahrheit hat eine Wucht, die ihn völlig verändert. Aber sein Sehnen und Suchen bekommt jetzt einen Namen: Mama! Und er macht sich auf die Suche nach ihren Spuren, die der Vater sorgfältig vor ihm verwischt hatte.

Von Tommy, seiner Stiefmutter Alma und seinem Vater Juan erfahren wir je aus der Innen-Perspektive, was sie umtreibt und antreibt, bewegt und quält und schmerzlich erinnert. Sie umkreisen einander in ihren Wünschen nach Halt und Nähe und können sich doch nicht mitteilen. Aufregend finde ich, wenn Erlebnisse aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Aus den völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen wird deutlich, warum die drei nicht zueinander finden: Die Erwachsenen schweigen da, wo ein Gespräch und die Verständigung über diese verschiedenen Blickwinkel überhaupt erst beginnen müsste. Wenn sie miteinander reden, dann aneinander vorbei. So aber können sie die Kokons der Einsamkeit nicht überwinden. Erst ein weiterer Schicksalsschlag öffnet den Beteiligten die Augen. Jetzt erst beginnen sie zu verstehen, was sie wirklich voneinander getrennt hat. Jetzt erst entwickeln sie die „Augen des Herzens“.

Gelitten habe ich mit allen drei Hauptpersonen. Mit dem einsamen, hochdisziplinierten Vater, dessen Berufsroutine und kühle Sachlichkeit nur mühsam den Lebensschmerz zudeckt, der ihn daran hindert, wirklich zu lieben. Mit der zärtlichen, seelenvollen Alma, die in der Routine ihrer Ehe fast verhungert, aus der sie stabilisierende Lebensstärke erhoffte. Ganz besonders gelitten habe ich mit dem zarten Tommy. Durch eine lebensgefährliche Herzkrankheit schwer behindert hat er eine unglaubliche Kraft und Phantasie entwickelt, sich selbst inneren Halt zu geben. Wie tapfer er sich auf den Weg macht, seine Mutter kennenzulernen! Wie sicher der Zwölfjährige seiner inneren Stimme folgt, die ihm genau das zeigt, was er jetzt braucht! Wie groß dieser körperlich viel zu klein gebliebene Junge in Wirklichkeit ist!  Körperlich der Schwächste von allen – öffnet ausgerechnet er Türen in der Familie, die vielleicht mehr freies Leben ermöglichen.

Die chilenische Autorin Carla Guelfenbein erspart der Leserin zum Glück ein kitschiges Happy End und lässt doch auch Türen offen.  Sie gibt den Figuren Zeit,  ihre Gedanken, Wege und Irrwege und ihre Lösungsversuche zu entwickeln und als Leserin hineinzuwachsen in diese Fragen.

„Der Rest ist Schweigen“ ist kein leichtes Buch. Es geht um alles – um Leben und Tod. Es geht um Lebensmöglichkeiten trotz traumatischer Erlebnisse. Um ein innerlich freieres Leben nicht jenseits von Schmerzen, sondern mit den Schmerzen. Um nährenden und tröstenden Kontakt zwischen Menschen. Das alles ist möglich – jenseits des Schweigens.

Luisa