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Archiv für den Monat April 2013

von Frank Schätzing

Fischer Taschenbuch Verlag, 992 Seiten, 9,95 Euro. 

Dieses Buch ist in vielerlei Hinsicht überraschend: Gleich zu Beginn wird ein kleiner, unbedeutender Fischer von Meerestieren ermordet. Und dieser Vorfall ist nicht der einzige. Es häufen sich grausame Fälle rund um die Welt. Explodierende Hummer und Glibbermasse ziehen sich durch das Werk. Aber es geht hier keinesfalls um spektakuläre Science-Fiction. Schätzing hat den Anspruch, gute und fundierte Literatur zu machen. Daher durchsetzt er seinen spannenden Krimi mit phasenweisen etwas langatmigen Informationsteilen über alles rund um das Meer und die Klimaerwärmung.
Und genau das ist das Überraschende: Einerseits handelt es sich hier um einen wahnsinnig spannenden Krimi, der mitreißender und außergewöhnlicher wird, je länger man ihn liest. Von der uns bekannten Welt geht es in eine unvorstellbar (und bisher noch nie gedachte) neue Interpretation unserer Weltordnung. Ist der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung?
Andererseits neigt Schätzing sehr zu einem belehrenden Schreiben. Man ist also teilweise gezwungen, einen Informations-Fluss mitzunehmen, den man vielleicht garnicht haben wollte. Teilweise lassen sich diese Passagen sogar überspringen, ohne dadurch den Plot zu zerstören. Dies ist natürlich kein gutes Zeichen für ein Buch. Aber der Rest ist so überragend, dass man es unbedingt lesen sollte!

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von Michael Frayn

Carl-Hanser Verlag, 288 Seiten, 17,90.

Was mache ich, wenn ich für ein Wochenende mit einer mir fast unbekannten Frau nach Skios reisen wollte und dann im letzten Moment kalte Füße bekomme? Genau! Ich gebe mich als der erstbeste Mann aus, der am Flughafen gesucht wird und steige lieber in ein anderes Auto.

Und so gelangt Oliver in eine Geschichte aus verwirrender Verwechselung, die ihn nicht nur in das falsche Bett, sondern auch zu geistigen Höhenflügen treibt. Schließlich soll derjenige, als der er sich ausgibt, einen wichtigen Vortrag halten. Und alle wollen wissen, worum es geht. Vor allem Oliver, der ja von der Materie keine Ahnung hat. Aber das wäre ja kein Grund, nicht trotzdem zu sprechen!
Seine verschmähte Affäre hingegen lernt den eigentlichen Redner kennen und gelangt mit ihm schließlich zu einer Art Liebe. Auch wenn sie sich vorher einige male verzweifelt im Bad einschließen muss, weil sie sich ständig mit fremden Menschen in ihrem Bett und Koffern überall im Haus konfrontiert sieht.
Diese Koffer der beiden Herren machen derweil eine stetige Reise quer über die Insel, hin und her in den Autos der beiden griechischen Taxifahrer – die Brüder sind und leider kein Englisch können. Sonst hätten sie vielleicht schon früher gemerkt, was hier schief läuft.

Alles in allem eine kluge und lustige Verwechselungskomödie, die vielleicht ein bisschen Licht darauf wirft, warum wir uns heute manchmal selbst viel zu ernst nehmen. Zu empfehlen, wenn man mal wieder laut lachen möchte und das keinesfalls auf albernem Niveau! Allerdings überzeugt das Ende mit seinem komplizierten Durcheinander ganz und gar nicht. Obwohl man sagen könnte: So wie sich die Identitäten der Protagonisten über das Buch hin langsam auflösen, so schmilzt auch die ganze Geschichte bis zu ihrem Ende hin zu einigen wirren letzten Seiten.

aus dem Brief eines Drittklässlers:

Eine Großmutter ist eine Dame, die keine eigenen Kinder hat. Sie mag die kleinen Jungen und Mädchen anderer Leute. Ein Großvater ist eine männliche Großmutter. Er geht mit den Jungen spazieren, und sie sprechen über das Fischen und solche Sachen.

Großmütter haben nichts zu tun, außer dazusein. Sie sind so alt, dass sie nicht mehr wild spielen oder rennen sollten. Es reicht aus, wenn sie uns zu dem Supermarkt fahren, wo das elektrische Schaukelpferd steht, und eine Menge Münzen parat haben. Oder wenn sie mit uns spazieren gehen, bleiben sie bei hübschen Dingen wie besonderen Blättern und Raupen stehen.

Niemals sagen sie: „Beeil dich.“

Normalerweise sind Großmütter dick, aber nicht zu dick, um deine Schuhe zuzubinden. Sie tragen Brillen und seltsame Unterwäsche. Sie können ihre Zähne wie ein Kaugummi herausnehmen.

Großmütter müssen nicht klug sein, sie müssen nur Fragen beantworten können wie: „Warum ist Gott nicht verheiratet?“ und „Wie kommt es, dass Hunde immer Katzen hinterher jagen?“

Großmütter sprechen nicht in Babysprache mit dir, wie Gäste es immer tun, weil es schwer zu verstehen ist. Wenn sie uns vorlesen, lassen sie keine Worte aus und haben auch nichts dagegen, wenn sie dieselbe Geschichte immer wieder lesen müssen.

Alle sollten versuchen, eine Großmutter zu haben, vor allem, wenn sie keinen Fernseher haben, denn sie sind die einzigen Erwachsenen, die Zeit haben,

Gestern gehört: Eine Frau schreibt Märchen um, damit Kinder in Zukunft nicht mehr geschockt sein müssen. „Kopf ab“ wird so zu „in den Vulkan gestürzt“. Denn dann „gibt es für die Kinder noch die Chance, dass der arme Mann überlebt“. Weil Tod ja schrecklich ist. Und Kinder Schreckliches nicht mitbekommen dürfen.

Großer Aufruhr um sie herum! Wer Märchen nicht aushalte, solle sie nicht lesen, so die eine Seite. Solche Geschichten hätten deutliche moralische Aussagen, die nicht verwischt werden dürften, so die andere. Außerdem spiegele die Märchensprache die Kultur eines jeden Landes wider, da könne man nicht einfach hineinpfuschen. „Wenn in China Köpfe rollen, dann können Sie daraus keine Vulkane machen!“ Basta!

Aber ich denke mir noch etwas anderes: Kinder sollten nicht mit Schrecklichem in Berührung kommen –  sie müssen es unbedingt. Denn wie sollten sie sich sonst im Umgang mit diesen Themen üben? In ganz kleinen Schritten können sie über die Literatur (und andere Wege) an so etwas wie „Tod“ herangeführt werden. Ich habe hier gerade so ein Buch, es heißt „Wo ist Mami„. Darin sucht das Affenbaby seine Mutter und der Schmetterling führt ihn immer wieder zu Tieren, die nun aber ganz und gar keine Affen sind. Woher soll so ein armer Schmetterling – dessen Kinder/Raupen ihm ja unähnlich sind – wissen, wie die Affenmama aussieht! Für ein Kind ist das doch erstmal schon ein wenig gruselig: Da sitzt man ganz alleine im Wald herum und die Mama ist weg! Aber gottseidank – nach 10 Seiten löst sich die Spannung. Der Schmetterling findet schließlich Affenmama UND -papa. Doppelt hält besser.

In meiner Vorstellung ist es doch genau das, was wir den Kindern auf ihrem Weg mitgeben können: Dass wir Menschen Schmerz/Wut/Trauer oder ähnliches empfinden und dann wieder fröhlich werden. Dass es schlimme Dinge im Leben gibt, aber auch schöne. Dass Menschen sterben müssen und dennoch Tag für Tag glücklich sein dürfen.

Natürlich will ich nicht sagen, dass man jedes Kind zu jeder Zeit an diese Dinge erinnern muss. Aber es gehört zum Erwachsenwerden, auch traurige Gefühle aushalten zu lernen. Und das doch am besten in kleinen Schritten, mit Unterstützung der Eltern. So erscheint es mir besser, als später mit 30 alleine.

Also: Lasst die Hexe im Ofen schmoren, esst Lebkuchen und keine Angst vor rollenden Köpfen!

Zu wenig Platz im Bücherregal, die Bretter doppelt belegt, Stapel neben dem Bett, aber „man schmeißt Bücher doch nicht weg“? Dann ist das hier die perfekte Gelegenheit:

Auf Tausch-Buecher.de kann jeder mit jedem Lesbares tauschen. Die Bücher müssen mit einem Punktesystem selbst bewertet werden und dann kann man mit diesem Punkten gleichwertiges tauschen. Kluge Idee. Ob es wirklich funktioniert? Lasst es uns ausprobieren!

Organisiert wird das ganze vom Verein „Für soziales Leben e.V.

Es gibt 2 Kategorien von Büchern:

Die „Erlesenen„, die wirklich gut sind.

Die „Zerlesenen„, die ziemlich schlecht sind.

Wer sich nun fragt, wo sich die mittelmäßigen Bücher, die mit 3 von 5 Punkten – diejenigen, die man mal mit Schnupfen zum Wohlfühlen lesen kann – finden lassen…tja, genau da liegt das Problem! Wie könnte diese Kategorie heißen?

Und welche Kategorien braucht die Buchfühlung noch?

 

Gestern kamen wir auf folgendes: Ich bin ein Pienzchen.

Wer mit mir Filme schaut, muss meistens mit folgendem rechnen: Entweder halte ich mir Augen oder Ohren oder wahlweise beides gleichzeitig zu. Dazu schreie ich bei plötzlichen Geräuschen laut auf (kommt im Kino sehr gut), zucke zusammen und fange meist irgendwann an zu heulen. Zugegebenermaßen, bei Disney Filmen geschieht das eher selten, aber sonst ertrage ich tatsächlich nicht viel. Weder zu viel Liebesschmerz, noch Streit/Gewalt/Trauer oder Horror. Ich hasse spritzendes Blut, plötzliche Bewegungen, langsames Pistole-an-die-Schläfe-Pressen oder wenn einer mal losgeht, um zu sehen, woher die komischen Geräusche kommen.

Ich gehe also selten ins Kino. Und lese vorher immer nach, worum es in einem Film geht. Manchmal sogar den Schluss. Hauptsache ich weiß, was auf mich zu kommt. Sollte ich dazu sagen, dass ich im Freundeskreis nicht die beliebteste Film-Begleitung bin?

Woran liegt das? Wenn ich zurück denke, dann war ich schon immer sehr empfindlich. Als bei „Independence Day“ ein Ufo plötzlich aufging, habe ich eine ganze Packung Salzstangen in die Luft geschmissen, mein Bein so angezogen, dass ich einen Krampf bekam und bin dann auf einem Bein durch die Salzstangen gehüpft. Das hat sich also höchstens noch verschärft. Aber der Grund wird mir erst so langsam klar. Das Lesen ist schuld.

Wer liest, muss sich dem Buch hingeben. Herz und Geist müssen der Geschichte verfallen, sonst bleibt das Buch außerhalb und kann den Leser nicht bewegen. Wir müssen so richtig mit dem kleinen Mädchen mitleiden, das sich im Wald verirrt hat. Sonst bleibt uns die Erzählung so fremd, dass sie langweilig wird. Sonst kann es meinetwegen dort auch verhungern, wir legen das Buch dennoch gelangweilt beiseite. Meiner Erfahrung nach passiert das dann, wenn Geschichten schlecht geschrieben sind. Wenn Wortwahl und Stil abstrakt bleiben oder sogar einfach nur verwirren. Wenn die Sprache es verhindert, tief genug in sie hinein zu tauchen. Schlechte Bücher bereiten schlechte Leseerlebnisse. Ein mieser Trip sozusagen.

Ein gute Geschichte allerdings verlangt geradezu danach, sie in sich hinein zu lassen. Dort, wo ich empfindlich bin, erlebe ich das Buch dann auch mit. Vielleicht fällt es dann deshalb schwer, Filme auf Abstand zu halten?

Mich können Bücher jedenfalls ganz genauso gruseln, wie Filme es tun. Sie zwingen mir nur keine Bilder ins Herz, die ich nicht mehr loswerde,