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Archiv für den Monat März 2013

Ich mag keine Thriller. Ich lese sie nicht. Also gibt es hier keine Thriller-Rezensionen.

Quatsch!

Die Idee meines Blogs ist folgende: Möglichst viele Leser schreiben möglichst viele Texte. Jeder, der ein Herz für Literatur hat, kann sich hier beteiligen.

Schreibt mir einfach per Mail unter buchfuehlung@web.de eure Rezensionen, wie ihr heißen wollt und welche Wünsche ihr z.B. bezüglich der Kategorie habt. Auch wenn ihr andere Texte zu bibliophilen Themen schreiben wollt, soll euch hier Raum zur Verfügung stellen!

BIsher haben sich schon einige „Fremdleser“ eingefunden, als da wären: patengers, Rezensent 2 und MP.

Lasst eure Gedanken da!

 

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von Jaqueline Kelly

Carl-Hanser-Verlag, 336 Seiten, ISBN 9783446241657, veröffentlicht am 25.2.2013.

Es ist nicht gerade einfach, ein Mädchen zu sein und unter sieben Brüdern aufzuwachsen. Noch dazu, wenn man fast 12 Jahre alt ist, den heißen texanischen Sommer auf der Farm der Eltern verbringen muss und immer mehr auf die Mädchenrolle festgelegt werden soll. Die Frauen plagen sich im heißen Sommer 1899 unter der Last der Korsetts, Petticoats und der kunstvoll geflochtenen Frisuren. Calpurnia, gerade noch Kind und doch schon sehr wach, hat von jeher wenig Lust auf mädchentypische Dinge. Statt zu stricken, Klavier zu spielen und ein wenig erfreuliches Leben wie ihre Mutter zu führen möchte sie einmal eine große Naturforscherin werden. Immer wieder findet sie Nischen für wenig mädchenhafte Unternehmungen. Unterstützung bietet überraschend ihr zunächst gefürchteter Großvater, der mit in der Familie lebt. Er widmet sich ausgiebigen Naturbeobachtungen und hütet in seiner Bibliothek kostbare Bücher zum Thema, die Calpurnia ohne Wissen ihrer Eltern ausleihen darf. Zwischen Calpurnia und ihrem Großvater entwickelt sich eine interessante Beziehung – sie reden viel, machen zusammen Wanderungen, um Pflanzen und Tiere zu entdecken und Calpurnia lernt, ihre Beobachtungen der Natur gewissenhaft aufzuzeichnen. Der hütet Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ als seinen größten Schatz. Und mit diesem Buch lernt Calpurnia das Wissen um die Evolution kennen. Immer heftiger wird sie zwischen ihren Herzenswünschen und dem gesellschaftlichen Druck, wie ein Mädchen und eine Frau zu sein hat, hin und hergestoßen. Die Möglichkeiten waren eng für eine Frau zu dieser Zeit. Eingezwängt in gesellschaftliche und familiäre Erwartungen blieb kaum Raum für eigene Träume. Der Großvater schult Calpurnias freien Geist und ihre offensichtliche Begabung für die biologische Wissenschaft. Ob ihr das später helfen wird, oder sie dadurch erst recht unglücklich werden wird?

 

Herzklopfend habe ich „Calpurnias evolutionäre Entdeckungen“ gelesen. Immer wieder fragte ich mich angesichts ihres Leidensdrucks: Wie haben Frauen das nur ausgehalten, lebenslänglich in einem Käfig eingesperrt und am geistigen Wachsen gehindert zu werden? Evolutionär betrachtet ist seit 1899 nur wenig Zeit vergangen. Aber zum Glück hat sich das Leben von Frauen und Mädchen in den meisten Ländern der Erde verändert. Und nicht nur von Frauen und Mädchen: denn auch Calpurnias Brüder leiden deutlich unter dem Diktat der gesellschaftlichen Erwartungen und Einengungen.

Ganz ehrlich: ich bin froh, meine Haarlänge selbst bestimmen zu dürfen, weder Korsett noch Petticoat tragen zu müssen. Ich bin froh über meine innere Freiheit, dass ich in Familie und Umgebung offen und ehrlich sprechen und Wünsche benennen kann, und dass ich mich nicht in gesellschaftlichen Konventionen bewegen muss, die mir die Luft nehmen. Aber ganz besonders froh bin ich, dass allen Menschen der Erde die gleiche Würde zugesprochen ist, auch wenn die Verwirklichung und manche anderen humanen Ziele weltweit noch sehr im Argen liegen.

Als angenehm empfinde ich, dass die Autorin Kitsch und Sentimentalität vermeidet. Calpurnias Zukunft bleibt offen. Aber: Programmatisch stellt die Autorin Zitate von Charles Darwin an den Beginn jedes Kapitels. Und zu Darwins bahnbrechenden Erkenntnissen gehörte, dass sich in der Natur die je stärkeren Lebewesen auf Dauer durchsetzen.

 gelesen und besprochen von: MP

Autoren, die Preise gewinnen, haben es gut. Ihre Namen werden bekannter, ihre Bücher tragen den Aufkleber „Preis des ****“ und sie verkaufen mehr.

Ist das so?

Wer ist eigentlich Preisträger des diesjährigen Buchpreises der Leipziger Buchmesse?

Hier findet ihr Wissenswertes über den Autoren und sein Buch „Leben“

Zum Preis der Leipziger Buchmesse selbst:

Der Preis der Leipziger Buchmesse ehrt seit 2005 herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen. Er ist mit insgesamt 45.000 Euro dotiert und wird zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung verliehen. (Pressemitteilung Leipziger Buchmesse, Download)

„Leben“ von Daniel Wagner

Rowohlt, 2013. 288 S. ISBN 978-3498073718. 19,95 €

Ein Mann liegt im Krankenhaus. Er hat eine neue Leber bekommen. Langsam, ganz langsam, bessert sich sein Gesundheitszustand. Lange hat er auf die Transplantation gewartet, immer am Rande des Todes. Von Kind an hatte er eine Autoimmunhepatitis, sein Immunsystem zersetzte das eigene Organ. Eine neue Leber war die einzige Rettung.
Als nun endlich der Anruf kommt, eine Leber sei gefunden, lehnt er zunächst ab. Er fühlt sich nicht vorbereitet. Wieder dauert es eine lange Zeit, bis er eine neue Chance bekommt. Dieses Mal ist es die letzte, denn eine erneute Ablehnung hätte dazu geführt, dass er von der Warteliste von Eurotransplant gestrichen worden wäre. Er wird in die Klinik gebracht, gibt seinen Körper ab und wie im Film schwenkt die Kamera in eine beobachtende distanzierte Position. Die Operation wird beschrieben, als ob es ein Lehrbuchtext wäre. Er ist nur noch lebloser Körper, von Maschinen am Leben gehalten.

Nun liegt er wieder in der Berliner Klinik, wie so oft. Seine Gedanken wandern. Über das Zimmer hinaus, in die Zukunft, in die Vergangenheit.

Zu dem unbekannten Menschen, dessen Leber er nun in sich trägt und der nun teilweise in ihm weiterlebt. War es ein alter Mann, in der Blüte seines Lebens stehend oder vielleicht eine junge Frau, die ähnlich wie seine frühere Freundin Rebekka einfach totgefahren wurde von einem Lieferwagen, plötzlich – von einer Sekunde auf die andere?

Hat er mit dem Organ auch ein Stück der fremden Persönlichkeit in sich aufgenommen? Er hat den Eindruck, dass er mit dem oder der Unbekannten in Beziehung steht. Wie wäre es, wenn er plötzlich bei den Hinterbliebenen dieses fremden Menschen an der Tür klingelt – oder umgekehrt sie bei ihm?

David Wagner hat ein Buch geschrieben, dessen Szenerie im ersten Augenblick minimalistisch erscheint. Ein Zimmer, ein Bett, Infusionsständer, Nachttisch. Kann daraus Spannung entstehen, die immerhin 288 Seiten Lesezeit rechtfertigt? Doch die Bewegung findet in Gedanken statt, in Erinnerungen, auch in surrealen Träumen. Es ist eine Reise bis an die Grenzen des Lebens und darüber hinaus.

Zwei unbedruckte graue Seiten in der Mitte symbolisieren den zeitweisen Tod. (In einem Interview während der Buchmesse in Leipzig wird der Autor erzählen, dass ihm schwarze Seiten lieber gewesen wären, doch das sei drucktechnisch nicht möglich gewesen.)

Gelesen und besprochen von: Rezensent 2

 

David Wagner, 1971 geboren, veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Debütroman Meine nachtblaue Hose (Alexander Fest Verlag). Sein Roman Vier Äpfel (Rowohlt Verlag) stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Walter-Serner-Preis und dem Georg-K.-Glaser-Preis. David Wagner lebt in Berlin.

von Austin Wright

Luchterhand Literaturvertrag, Mai 2012, 978-3-630-87366-4, 416 Seiten, 19,99 Euro.

tony

Es kann nicht jeder ein Held sein. Das ist eigentlich klar. Allerdings sollte man sich doch wehren, wenn es an Leben und Tod geht. Wenn man auf offener Straße von Fremden angehalten wird und mitansehen muss, wie diese Männer die eigene Frau und Tochter entführen. Da muss man doch einschreiten, zuschlagen, um Hilfe schreien… Oder man ist wie Tony, der Mathematikprofessor, der eben nicht geschrien hat. Dem die Familie abhandenkommt und der nachher nur noch die Leichen seiner Lieben im Wald finden muss.

Tony ist die Hauptfigur in Edwards erstem Roman. Und Edward ist der Ex-Ehemann von Susan, die diesen Roman lesen und kommentieren soll. Sie liest ihn innerhalb von drei Tagen, verschlingt ihn geradezu und kann nicht mehr aufhören. Was wird mit Tony nun geschehen, nachdem er als Mann doch irgendwie versagt hat und ganz alleine zurückbleibt? Susan zittert mit ihm, erst auf der Straße, dann im Wald und später in den folgenden Monaten, wenn er versucht, wieder ins Leben zurück zu finden und die Verbrecher zu fassen. Obwohl sie Edward nicht wirklich gern hatte, gefällt ihr sein Buch übermäßig gut. Auch wenn sie immer mehr zu ahnen beginnt, dass Tony, der-sich-nicht-wehren-konnte-Tony, der Mann, der nicht abdrücken konnte, ein bisschen auch ihre eigene Geschichte zu erzählen scheint.

Mich selbst hat das Buch (weder das „äußere“, noch das „innere“) nicht überzeugt. Auch wenn Susan immer wieder betont, wie gut Edward in ihren Augen schreibt, finde ich Sprache und Stil des Tony-Romans alles andere als gelungen. An einer Stelle sagt sie, Edward habe früher so geschrieben, wie sie es wohl auch hinbekommen würde, wenn sie sich nur einmal hinsetzte. Und meiner Meinung nach hat er sich auch nach den (seit ihrer Scheidung) vergangenen 24 Jahren nicht verbessert. Das kann natürlich Methode sein (vielleicht versteht sie nicht viel vom Schreiben?), aber andererseits ist es anstrengend, wenn ein Autor sich so – wenn auch vielleicht unabsichtlich – unentwegt selbst lobt.
Außerdem fehlt der ganzen Handlung Tiefgang. Susan, die wohl auch nie aufbegehrt, sich auch nie wehrt, scheint gar nicht so sehr unter diesem Leben zu leiden. Ja, ihr Mann betrügt sie. Ja, sie hasst ihn. Aber irgendwie überlebt sie nicht ganz unglücklich, so wirkt es zumindest. Und Tony, der ja in dieser schrecklichen Nacht alles verloren hat, was ihm lieb und teuer war, hat nicht genug Schuld auf sich geladen. Er bleibt immer noch so weit moralisch integer, dass man ihn nicht gänzlich verdammen kann. Und schon gar nicht er sich selbst. Damit bleibt dann auch der (hier in vielen Rezensionen gelobte) Rückschluss von ihm auf Susan platt und wenig spektakulär. Warum sie das Buch gar jemandem „zur Strafe“ vorlegen will, erschließt sich mir am Ende überhaupt nicht mehr.

Fazit: „Tony & Susan“ ist für mich eigentlich kein richtiger Thriller. Dafür fehlt noch einiges an Spannung, Grusel, Druck, Entsetzen und was sich nicht noch alles in diesem Genre finden lassen sollte. Die Dilemma-Situation „Was würdest du tun“, die wahrscheinlich herausgearbeitet werden soll, fällt sehr flach aus und stößt keineswegs genug vor den Kopf, um dieses Buch zu einem empfehlenswerten Buch zu machen.

Wer wirklich einen guten Thriller lesen will, sollte sich mal an folgendem Buch versuchen: „Raum“ von Emma Donoghue. Zwar als Roman bezeichnet, aber in Wirklichkeit zum totgruseln.