The-Three-Body-Problem-Liu-Cixin
„Gibt es außer uns noch weiteres Leben im Universum?“
Wer kann von sich schon behaupten, er habe sich diese Frage nicht wenigstens einmal im Leben bereits gestellt?
Die Antwort jedenfalls scheint gefunden! Das ist die Grundlage von Cixin Lius „The Three-Body Problem“.
Im Jahr 1968 – mitten in der Kulturrevolution – sendet die chinesische Wissenschaftlerin Ye Wenjie eine Nachricht ins All. „Wer da draußen ist, um zu hören, der höre.“ Und acht Jahre später kommt die Antwort. Allerdings nicht so, wie erwartet. Vielmehr eine Warnung. Eine geplagte, vom Untergang bedrohte Kultur sucht einen neuen Planeten. Einen, auf dem es stabile Umweltbedingungen gibt. Einen zum Überleben.
Ye Wenjie wittert ihre Chance. Von der Revolution enttäuscht und angewidert von all den menschlichen Unzulänglichkeiten, beschließt sie, dass es an der Zeit ist, der Menschheit eine Lektion zu erteilen. Sie sendet eine Einladung zur Invasion: „Kommt nur her, hier könnt ihr euch niederlassen“. Im besten Fall könnte die neue und überlegene Zivilisation die Menschheit kultivieren. Im schlimmsten Fall müssten eben alle Erdbewohner sterben. Das ist Evolution.
Kurze Zeit später beginnt ein reger Austausch mit den Fremden. Schnell finden sich noch andere Wissenschaftler, die die Ankunft der Anderen schon nicht mehr erwarten können. Eine ganze Gemeinschaft entwickelt sich, neue Mitglieder werden durch ein Computerspiel „Three-Body“ in die Welt der Außerirdischen eingeführt und arbeiten so auch an den Invasionsplänen mit. Die Raumschiffe sind bereits gestartet und auf dem Weg zur Erde – alles scheint seinen Gang zu gehen.
Doch noch ist nichts sicher. Ye Wenjies Gemeinschaft spaltet sich in zwei Lager: Die Radikalen, die die Ausrottung der Menschheit befürworten – schließlich habe sich diese als weltbeherrschende Rasse nicht bewährt. Und die Gemäßigten, die auf eine friedliche Koexistenz hoffen. Die Lager stehen vor einem Bürgerkrieg. Und dann gibt es noch die Übrigen, denen langsam aber sicher immer klarer wird, dass die Tage der Erde, so wie sie sie kannten, gezählt sind. Dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es zum Krieg kommt. Und dass ihnen nur noch 450 Jahre (solange wird es bis zur Ankunft noch dauern) zur Vorbereitung auf dieses Zusammentreffen bleiben.

„The Three-Body Problem“ ist ein Meisterwerk und als erster Teil einer Trilogie verspricht es uns für die nächsten Jahre noch großen Genuss. Ich kann als Leserin, die ich weder chinesische noch englische Muttersprachlerin bin, keine fundierte Aussage über die Sprache von Original und Übersetzung geben. Aber mein Eindruck ist, dass sich sowohl Autor als auch Übersetzer mit großer Hingabe an das gemacht haben, was Leser_innen meist die größte Freude bereitet: Ein liebevoll erstelltes Bild einer Geschichte, gut recherchiert und intelligent gemacht, ohne dabei mit zuviel Details überfrachtet zu sein. Denn so viel physische, astrophysische und andere wissenschaftliche Details in einen spannenden Plot einzubauen, kann auch schiefgehen. So viele Personen, historische Gegebenheiten und politische Zusammenhänge in einem Science-Fiction-Roman unterzubringen, birgt oft die Gefahr, langweilig oder überfordernd zu sein. Aber hier ist das außerordentlich gut gelungen. Besonders hervorzuheben erscheint mir dabei das philosophische Problem, dass hier entwickelt wird: Was macht es mit uns, unserer Gesellschaft und unserer Sicht auf den Menschen, wenn wir mit Sicherheit wissen, dass in 450 Jahren Schluss sein wird?

Hab ich schon erwähnt, dass ich ein totaler Angsthase bin? Ich sehe keine Filme ab 16plus, ich grusel mich bei selbst bei „Independence Day“ und lese nur seltenst Krimis. Was nicht heißt, dass ich Krimis nicht mag! Ich würde sehr gerne den Detektiven folgen, mit ihnen zusammen die Verbrechen lösen und kann es kaum ertragen, dass ich durch das Nicht-Lesen meist die Auflösung der Geschichten nie erfahren werde. Was dazu führt, dass ich dann eben google. Oder – wie jetzt – doch mal die Zähne zusammen beiße und einen Krimi lese.
Und diesmal war die Wahl wirklich gut. Ein spannender Plot, eine hochspannende Rahmengeschichte und der agierende Polizist musste sich mit solch ekelhaften Persönlichkeiten auseinandersetzen, dass ich wirklich froh war, als Leserin außen vor zu bleiben. Ein Klappentext würde es so formulieren: „packende Unterhaltung“. Letztlich kann ich aber heute doch nicht über das Buch berichten, weil mich etwas anderes noch viel mehr „gepackt“ hat. Und das war der dämliche Autor…
Warum liest man Krimis? Wenn ich versuche, mich in den typischen Krimileser hineinzuversetzen – denn meine Angst vor dem Grusel macht es mir unmöglich, wirkliches Lese-Vergnügen zu empfinden – dann liest man Krimis doch des Rätsels wegen. Entweder die Prinzessin stirbt am Anfang und man begleitet den gegen seinen Willen zur Spürnase mutierten Prinzen auf seinem Weg. Oder man kennt die Bedrohung und zittert sich durch 300 Seiten, bis am Ende entweder die Prinzessin stirbt, oder der Bösewicht geschnappt wird. Manchmal auch beides.
Das klingt jetzt erstmal banal. Aber bei anderen Genres ist es ganz anders. 50 Shades of Grey z.B. – das liest man doch sicherlich nicht, weil man NICHT weiß, um was es geht. Eher erwartet den Leser die Bestätigung dessen, was er sich schon beim Kauf erwünscht hat. Er will Sex – er kriegt Sex. Und Faust liest man auch nicht, weil man zu erfahren wünscht, ob am Ende der Teufel überlebt. Das kriminologische Leseerlebnis erscheint mir eine andere, andersartige Kategorie zu sein. Sicher, man erwartet auch hier etwas (Grusel), das man dann auch zu erleben hofft. Aber die Spannung wäre ja gerade nicht gegeben, wenn ich den Plot zuvor schon gekannt hätte. Wer liest schon einen Krimi, dessen Anfang, Entwicklung und Ende ihm bekannt ist. (Selbiges setze ich bei Faust mal voraus). Krimis liest man nicht allein der blumigen Sprache des Autors wegen. Oder weil dieser kurioserweise ohne Punkt und Komma geschrieben hat. Oder weil hier eine ganz neue Übersetzung des ursprünglich russischen Textes die Feinheiten der Ursprache neu zum Ausdruck bringt. Krimis lese ich – wenn – dann um des Endes willens.
Deshalb frage ich mich auch, was den Autor des hier anonym gehaltenen Buches geritten hat. Als Vorwort setzt er eine Einführung in die politischen Umstände, die das Geschehen seiner Geschichte umrahmen. Dabei spricht er von tatsächlich historischen Ereignissen, die so natürlich jeder selbst nachschlagen könnte. Aber er verrät gleich auf der ersten Seite des Vorworts, wie die ganze Sache ausgehen wird. Wieviele Leute bei den Aufständen umkamen, dass es überhaupt Aufstände gab, dass die Stadt verwüstet und das Land in Chaos gestoßen wurde. Dass die Geschichte in Ruhe beginnt und am Schluss im Elend versinkt. Mal ehrlich, hätte ich das tatsächlich vorher wissen wollen? Denn nun verläuft die Lesereise so: Ich bekomme zwar mit, dass jemand gestorben ist und sein Tod aufgeklärt werden soll. Ich erlebe aber gleichzeitig die Spannung um den Mordfall herum viel deutlicher und prägnanter, als die eigentliche Handlung. Ich weiß ja, dass es bald zum Krieg kommen wird. Also spüre ich ihn auf jeder Seite, selbst wenn der Polizist nur Kaffee trinkt. Die Spannung steigt, aber nicht, weil der Mörder bald gefasst ist, sondern weil das Datum im Buch sich der Katastrophe nähert, von der die Protagonisten noch hoffen, sie abwenden zu können. Und von dieser Katastrophe weiß ich, dass sie alle Ereignisse der Kriminalgeschichte nichtig machen wird. Es überlebt ja eh keiner.
Klar, es gibt Bücher, die sind so gedacht. Bücher, in denen Leute sich der Nazis erwehren wollen…und wir Leser wissen, dass sie doch im KZ landen werden. Geschichten, deren historische Einbettung uns so vertraut ist, dass wir schon vor der Lektüre wissen, dass der Turm zu Babel nachher umfallen wird. Aber wenn es gute Bücher sind, dann wollten sie es so. Dann schreiben die Autoren sich die Finger wund, um uns aus neuer Perspektive etwas altbekanntes erleben zu lassen – und oftmals haben sie diese neue Perspektive in jahrelanger Recherche erarbeitet – und bewerben ihre Geschichten auch genau damit. Neue Sicht auf Karl den Großen. Unbekannte Lebenseinsichten von Thomas Mann, oder so.
Dann entwickelt man keinen genialen Krimiplot mit spannendem Psychogramm und „packender Unterhaltung“ und verdirbt alles auf der ersten Seite, in dem man den Fokus selbst auf die Rahmenhandlung legt und diese dann auch noch im Detail verrät. Grmpf!

 

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Wolfgang Hohlbein: Das Unterland

 

Die letzten drei Tage meines Lebens habe ich verschenkt.

Verschenkt an ein wirklich wirklich schlechtes Buch, dass ich (zu allem Überfluss) schon einmal gelesen hatte. Es ist so schlecht, dass ich meine erste Begegnung mit ihm verdrängt hatte und daher erst auf Seite 50 eine leise Ahnung davon bekam, die Geschichte könnte mir bereits bekannt sein. Obwohl – eigentlich hab ich mich auch da nicht an die Geschichte erinnert, sondern nur an die schrecklichen Fehler, die mir wohl beim ersten mal auch schon hängengeblieben sind. Ein Beispiel: Der große Bösewicht, der den magischen Stein (von dem natürlich niemand weiß, wie er funktioniert oder gar, wie er zu bedienen ist – aber das hatte zuvor keinen gestört, er lag halt so im Regal herum) an sich gerissen und missbraucht hat, wird von so vielen Wesen attackiert, dass er auf dem Boden zusammenbricht. Die um ihn versammelten Guten müssen sich gleichzeitig mit einem bösen Dämon herumschlagen, können diesen aber (weil einer von ihnen plötzlich und ohne zu wissen wie, Macht über den Stein erlangt und nun zu Dämonen-Kommunikation fähig ist) von ihrer Gut-Artigkeit überzeugen und überleben. Daraufhin klopfen sie sich den Staub von den Hosen und verlassen erleichtert den Ort des Geschehens. Kein Wort mehr über den Bösewicht, der vorher 500 Seiten lang die ganze Stadt terrorisierte. Der Leser weiß nicht, ob er tot ist oder lebendig, ob er noch da liegt oder weggelaufen ist, oder ihm vor Schreck graue Haare wuchsen. Nichts. Einzig 20 Seiten später wird in einem Dialog der guten Überlebenden mit denjenigen, die bisher auf der Seite des Bösen gekämpft haben (aber nun durch die wundersame Wiedereroberung des magischen Steins vom Bann desselben enthoben sind), kurz erwähnt, dass der Bösewicht ja „nach dem Kampf einfach verschwunden sei“. Man hat auch nicht nachgesehen oder so. Ahja. Warum die Geschichte auch unnötig durch Details belasten.

Zugegeben, man könnte nun sagen: Selbst schuld, wer liest schon Hohlbein. Aber ich erinnere mich tatsächlich an ein Hohlbein Buch, dass ich während eines Urlaubs las und ganz gut fand. (Weil mir keiner gesagt hat, dass man die Bücher aus den Hotel-Sammel-Regalen mitnehmen kann, hab ich es dortgelassen – etwa 3 Kapitel vor Schluss. Der Verlust der alles erklärenden Auflösung wurmt mich immer noch. Den Titel hab ich aber leider vergessen.) Also Hohlbein kann man mal. So dachte ich – sowohl beim ersten Versuch mit „Das Unterland“, als jetzt auch beim zweiten. Man sieht, ich bleibe meinen eigenen Argumentationsstrukturen treu. Und meinen Fehlern.

Nun ergibt sich aus diesem Wiedererlebnis die Frage, wie um alles in der Welt es passieren konnte, dass solch massive Fehler einem Lektoren durch die Finger gingen? Manchmal wiederholen sich z.B. zwei Sätze direkt hintereinander: Er sah mich fragend an und sagte: „Was wirst du tun“, direkt gefolgt vom nächsten Satz: „Was wirst du tun“, sagte er und sah mich fragend an.

Da hat also einer bei der Korrektur gepennt. Diese Fehler sind aber auch gar nicht der Grund für meine Missstimmung. Ich fühle mich einfach betrogen. Betrogen um eine neue Welt, die ich gemeinsam mit den Protagonisten dieses Buches hätte entdecken können. Die Idee ist nämlich nicht übel: Ein Jugendlicher entdeckt per Zufall den Zugang zu einer unterirdischen Welt, in der Menschen des Mittelalters unentdeckt die letzten Jahrhunderte überlebt haben. Daraus hätte man eine Menge machen können. Gesellschafts- und Gegenwartsstudien, Liebes- und Kriminalromane, die Geschichte einer großen Verschwörung, aufgedeckt gegen den Willen der Obrigkeiten (oder des Vatikans). Für leichte Unterhaltungslektüre wäre eine Menge dabei gewesen. Unglaublich deshalb, dass Hohlbein es geschafft hat, aus seiner Grundidee überhaupt gar nichts zu machen. Ein großes unterirdisches Nichts.

Michael und der zukünftige Bösewicht (im Folgenden: B) entdecken anscheinend zufällig das Unterland. Während B den magischen Stein stielt, freundet Michael sich dort mit einem Mädchen an. Man hält ihn jedoch für einen Komplizen von B, deshalb muss auch er fliehen. Zuhause angekommen, verpasst ihm der Wächter des magischen Steins einen Fern-Vergessens-Zauber und er lebt unbehelligt weiter. Bis B seine mithilfe des Steins seine wahren Machenschaften offenbart und Michael auf seine böse Seite ziehen will. Da erinnert er sich gottseidank wieder an alles und rettet die ober- und unterirdische Welt (auf oben beschriebene Weise). Auf dem Rückweg, mit dem Stein im Gepäck, wird Michael klar, dass er der Bruder des Unterland-Mädchens ist und als Kleinkind von Ghoulen in die Oberwelt entführt wurde. Zum Glück ist nachher aber alles nicht so schlimm, weil sich Michaeles vermeindlicher Oberwelt-Adoptivvater als ehemaliger Begründer des Unterlandes herausstellt, der aus unerfindlichen Gründen 500 Jahre gelebt hat und einer Unterwelt-Frau im Schlaf erschien, so dass sie mit Michael schwanger wurde. Den Stein hat Michaels Vater den bösen Dämonen geklaut, und ohne dass ihn jemand kontrollieren kann hat dieser dann ein halbes Jahrtausend die Menschen des Unterlandes zufälligerweise am Leben erhalten. Aber nun will der Stein zurückkehren und wer immer ihn berührt, wird auf die Seite der dunklen Mächte gerissen. Alles geht gut aus, Verbrüderung mit den Dämonen nicht ausgeschlossen und Michael ist der erste Brückenschlag zwischen oben und unten – als erstes Kind eines Mannes von oben und einer Frau von unten. Klingt logisch.

Meine Frage ist nun, wie bekomme ich diese Geschichte wieder aus meinem Kopf? Dann könnte ich ja vielleicht selbst ein Buch schreiben, dass die – eigentlich nette – Ursprungsidee auf wirklich gute Art verarbeitet? Das Zugang zu der spannenden und faszinierenden Unterland-Welt bietet, die ich mir erhofft hatte. In die ich eigentlich eintreten wollte.

Ich befürchte nur, dafür ist es zu spät. Denn das Buch ist geschrieben und gelesen und nun lässt sich das nicht einfach rückgängig machen. Diese eine Idee ist kaputtgeschrieben. Ich kann es nur verdrängen. Und so wie ich mich kenne, wird mir das so gut gelingen, dass ich in zwei Jahren alles zum dritten Mal lese. „Weil ja der Klappentext so vielversprechend klingt“.

 

Wächter der Nacht – Sergej Lukianenko

Wächter der Nacht

Meine Freunde lesen gerne Fachbücher. Und dann sprechen sie darüber. Da wird diskutiert, debattiert, dialogisiert – und ich kann nicht mitreden. Denn das, was ich lese, ist von anderer Natur. Ich lese nicht gerne philosophische Werke, ich „philosophiere“ lieber selbst. Über das, was die Belletristik so hergibt. Und heute mal über das Gute und das Böse.

„Die Wächter der Nacht“ ist der erste Band einer russischen Trilogie, die in Deutschland in Buchform eher unbekannt ist. Bekannter sind dagegen die gleichnamigen Verfilmungen, die wohl zu den erfolgreichsten russischen Kinowerken gehören. Der Inhalt des Buches ist schnell umrissen:

Nachdem sich die Mächte des Lichtes und der Dunkelheit über Jahrhunderte hinweg bekriegten, ohne dass eine der Seiten je die Oberhand gewinnen konnte, gibt es nun endlich Frieden. Einen bröckeligen Frieden zwar, aber immerhin. Und die Bedingungen sind im sogenannten „großen Vertrag“ festgehalten: Tagsüber wachen die „Mächte des Dunkeln“ über die Machenschaften der „Lichten“, während es nachts genau andersherum ist. So kann das Gleichgewicht gewahrt werden. Und beide Seiten können diese Pattsituation gut gebrauchen, denn es bedarf schon genug Anstrengung, unerkannt unter den Menschen zu leben. Wer ein Wächter ist – ob hell oder dunkel – ist nämlich ein „Anderer“. Ein magisch begabter Mensch, der seine Umwelt nach Gutdünken zu beeinflussen weiß. Z.B. die Werwölfe, indem sie ihre Opfer verführen und willenlos machen. Oder die Zauberer, die durch Zaubersprüche Flüche aufheben können…

Klingt das nach altem Hut? Erstmal ja! Aber der Gag an der Geschichte folgt nun: Auch wenn es das Licht und das Dunkel gibt, so stellen diese beiden Kräfte doch nicht „Gut“ und „Böse“ dar. Denn beide Seiten können nur auf Kosten der Menschen existieren. Dunkle Vampire leben vom menschlichen Blut, während lichte Magier die Freude der Menschen trinken. Macht es nicht besser. Für die Opfer ist beides unangenehm.

Magie bedeutet also: Die Welt untertan machen. Ob zum Zweck der Heilung, oder aus Eigennutz. Die Wächter zwingen den Menschen ihren Willen auf. Beispielsweise handelt es sich bei den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts um Versuche der Lichten, durch politische Idealzustände die Geschichte der Welt endgültig „zum Licht zu bewegen“. Dass der Kommunismus dieses Ziel nicht unbedingt erreichen konnte, wissen wir. Typischer Fall von „das Gegenteil von gut ist gut gemeint“.

Auch das keine Neuerung in der Literatur! Neu ist allerdings folgende Frage: Was ist eigentlich das Böse, wenn der kleine dunkle Vampir von nebenan lediglich für den Eigenbedarf ein paar Menschlein anzapft und die Gut-Meinenden Wächter des Lichts Millionen von Menschen umbringen? Warum gehen wir eigentlich automatisch davon aus, dass das Dunkle das Böse sein muss und sich das Böse durch Egoismus auszeichnet? Wäre mir letztlich in der Mitte der Nacht nicht eine Begegnung mit einem „Dunklen“ lieber, bevor ich vielleicht den hellen höheren Zielen zum Opfer falle?

Nicht das beste Buch meines Lebens, aber zumindest diesen ersten Band der Trilogie kann man durchlesen und durchdenken. Band Zwei und Drei („Die Wächter des Tages“ und „die Wächter des Zwielichts“) müssen dann nicht aber nicht mehr sein.

von Jonas Jonasson

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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand„. So heißt das erste Buch von Jonas Jonasson. Das erste und wahnsinnig erfolgreiche Buch. Der Hundertjährige lief nämlich allen davon. Kaum ein Roman hat sich in den letzten 24 Monaten mehr verkauft, wurde häufiger besprochen, gelobt und verschenkt. Und kaum ein Buch war – trotz seines unbestreitbaren Erfolges – umstrittener. Entweder liebt man den alten Allan, oder man möchte nach 10 Seiten aufhören zu lesen. Denn Jonasson schreibt so unglaublich eigenwillig, dass es manchmal unerträglich scheint. Lakonisch und trocken. Mit wahnwitzigen vermeintlichen Zufällen. Unglaubwürdigen Zufällen. Die Hälfte der Zeit möchte man sagen: „ja, klar, und das soll ich dir glauben?“. Und liest doch weiter.

Und nun erscheint sein zweites Buch.

Die Analphabetin, die rechnen konnte„, trägt eine schwere Bürde auf sich. Denn die Erwartungen sind groß. Was im ersten Buch noch neu und unerwartet erschien, ist jetzt bekannt. Denn Jonasson schreibt im gleichen Stil weiter. Wer also Allan mag, wird Nombeko auch lieben. Wer sich beim Hundertjährigen schon an den Kopf gegriffen hat, braucht das zweite Buch gar nicht aufschlagen. Es ist nämlich wieder alles völlig wahnwitzig: Eine südafrikanische hochbegabte Analphabetin gelangt als Strafe, dass sie sich von einem Weißen überfahren ließ, als Putzfrau zu einem alkoholsüchtigen Ingenieur. Dieser baut im Auftrag der Regierung Atomwaffen, hat aber leider keine Ahnung vom Geschäft. Und trinkt sowieso zu viel. Also muss Nombeko das übernehmen. Ohne, dass sie ihn das zu sehr merken lässt, versteht sich. Dennoch jedoch geschieht das Unvermeidliche: Er lässt aus Versehen sieben, statt der gewünschten sechs Bomben bauen. Wie lässt man aber eine Atombombe verschwinden? Gar nicht! Nombeko hat sie nun an der Backe und wird sie auch durch ihre Flucht nach Schweden nicht mehr los. Genauso wenig wie drei schusseligen chinesischen Mädchen, die leider ein bisschen begriffsstutzig sind…

Eigentlich könnte man nun abschließend sagen: Es ist ein gutes, ein lesenswertes Buch. Aber auf eine gewisse Weise ist es das auch wieder nicht. Denn seine Bürde trägt es nur schwer. Besser als der Hundertjährige ist es leider nicht. Dafür fehlt die Innovation, das absolut und überragend Neue in der Sprache. Außerdem trippelte Allan – trotz seines Alters – leichtfüßig dahin, während die Geschichte von Nombeko eher schwerfüßig herumtrampelt. Die beiden Bücher sind also auch nicht gleich gut.

Aber die Analphabetin ist auch kein schlechtes Buch. Sie teilt nur das Schicksal vieler – sie ist das zweite Kind. Wer das beachtet, den erwartet Lesevergnügen!

Maarten ´t Hart, Unterm Scheffel, Roman

Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens

Deutsche Ausgabe München 2011

Gelesen von Luisa

Wer den Pianisten und Komponisten Alexander Goudveyl besuchen möchte, muss über eine riesige Pappel klettern. Sie ist bei einem Sturm umgekippt und in der Einfahrt des Hauses liegengeblieben. Blockaden sind ohnehin das Thema im Hause Goudveyls: Alexander ist erst Mitte Vierzig, aber fühlt sich alt. Er ist vermögend durch seine Tantiemen, aber hält sich kompositorisch für einen Versager. Seine Frau Hannah, Sängerin mit einer legendären Altstimme, quält sich und ihn mit ihrer Karriere, der sie psychisch nicht gewachsen ist. Alexanders Duopartnerin und oft auch verständnisvolle Zuhörerin Hester kommt finanziell auf keinen grünen Zweig. An künstlerischer Begabung und Fleiß mangelt es bei keinem der dreien. Aber ihnen fehlt die Gabe, an sich selbst und ihr Können zu glauben. Gehemmt, unfroh und gebremst leben sie dahin: ihr Licht unter dem Scheffel.

Doch dann bricht Leben ein: Alexander Goudveyl stürzt sich in eine Affäre mit einer scheinbaren jungen Bewunderin seines Klavierspiels. Für kurze Zeit erscheint eine neue Zukunft mit dieser bildschönen und weltgewandten Sylvia am Horizont. Von dieser Liebe beflügelt fühlt er sich auch als Komponist nahe am Ziel, endlich sein Meisterwerk schreiben zu können, das schon so lange in ihm reift. Die Liebe macht ihn blind vor Sylvias schwierigem Charakter: Als Tierärztin mag sie weder Tiere noch deren Besitzer. Sie ist launisch, nicht besonders feinfühlig, noch nicht mal leidenschaftlich, und sie ist unbeständig: Mal überfällt sie Alexander unangekündigt, mal schickt sie ihn weg trotz Verabredung. Sie hält ihn in einem ewigen Hin und Her gefangen. Kinder, Familienleben, feste Bindung – für sie ein Horror. Und klassische Musik – ein Greuel! Sie lehnt alles ab, was ihm wichtig ist. Kompromisse kommen in ihrem Leben nicht vor. Längst ist Goudveyl völlig abhängig und findet nicht mehr heraus. Sylvia bestimmt sein Leben, sein Denken und Fühlen. Er wartet, leidet, sucht und hofft – und merkt nicht, wie er sich selbst dabei immer mehr verliert. Vergeblich warnen ihn seine Freunde. Vergeblich sucht auch er selbst den Ausstieg aus dieser fatalen Beziehung. Er ist ihr verfallen – bis zum bitteren Ende.

Wer keine klassische Musik mag, sei – wie immer bei Maarten ´t Hart – vor diesem Buch gewarnt. Der ganze Roman ist durchdrungen von musikalischen Anspielungen. Und auch wenn ich nicht alle Stücke kenne, über die Goudveyl nachdenkt: In mir klang und sang es von der ersten bis zur letzten Seite. Beethoven, Brahms, Schubert, Schumann, Bach, Mozart….immer wieder geht es Alexander um die Frage, wer der Größte ist und warum. Ich fühlte mich zweifach vergnügt, weil meine Lust am Lesen und meine Lust an der Musik beide reichlich zum Klingen kamen. Überhaupt die Klänge: In Alexanders musikalischem Kopf und Herzen wird jeder normale Klang der Welt zu einer musikalischen Phrase, angefangen vom rhythmischen Laufen der Jogger im Park bis zum Regen auf dem Dach. Die Auseinandersetzung mit seiner künstlerischen Begabung, mit dem strengen Kritiker in sich selbst und der verzweifelten Suche nach sich als Mann und Musiker ist mir beim Lesen unter die Haut gegangen. Sylvias narzisstische Abwehrmanöver fand ich bereits als Leserin hoch anstrengend. Ich habe mitgefiebert, ob der Protagonist es schafft, sich von den beiden maßlosen Frauen zu trennen: von seiner ewig kindlich-fordernden Frau Hannah und von der sich ewig verweigernden Sylvia. So sehr wünschte ich ihm, dass er wirklich zu sich findet und damit auch zu der musikalischen Sprache, die in ihm reifte und ans Licht will. Spannend ist auch, wie der (sich selbst als eingefleischten Atheisten bezeichnende) Autor Bibelzitate, religiöse Anspielungen und Hoffnungen einstreut…“Unterm Scheffel“ ist ein aufregendes Buch über die Suche nach einer bereichernden Liebe, dem Umgang mit großen Talenten und der Hoffnung auf gelingendes Leben.